Veröffentlicht am 21.Februar 2009
Wenn du dir die Biografien großer Künstler ansiehst, kannst du schnell den Eindruck gewinnen, dass eine dunkle Vergangenheit und tragische Ereignisse Bedingung für den künstlerischen Erfolg sind. Alle waren sie depressiv, zig mal dem Suizid nahe, abhängig, wuchsen im Ghetto auf, verloren einen Geliebten auf tragische Weise.
Der Künstler leidet für seine Kunst, lautet das Klischee. Wenn man nichts dramatisches erlebt hat, kann man sich auch nicht künstlerisch darüber ausdrücken. Braucht man Drama, um ein gute Künstler zu sein?
Wie bei üblich Klischees, steckt mehr Mythos als Wahrheit dahinter: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Leid, das eine Person ertragen musste und ihrer Genialität. Der Zusammenhang ist allein deswegen nicht herstellbar, weil sich weder Leid noch Genialität einer Person messen lassen.
Weder gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Leid einen Menschen zu einem guten Künstler macht, noch dafür, dass man ohne ein gewisses Maß an Leid gut sein kann.
Vielleicht inspiriert dich dein Leid, aber du musst dich nicht darauf verlassen. Es gibt keinen Grund dazu, dich auf die Verarbeitung deines emotionalen Dramas zu beschränken, denn es gibt genügend Alternativen.
1.Alltag
Viele Künstler befassen sich mit ganz banalen Dingen in ihren Werken: Das Wetter, eine Stimmung, eine Freundschaft, eine Jahreszeit, ein Gefühl. Dinge, die wir alle schon erlebt haben und mit denen sich jeder beschäftigen kann, ohne dafür einen spezielleren Erfahrungsschatz zu benötigen.
2.Alltag ändern
Dein Alltag langweilt dich, aber du möchtest vor allem Themen behandeln, die du selbst in deinem Leben hast? Dann wäre eine Möglichkeit, deinen Alltag aufregender zu gestalten. Du kannst so immer noch deine Erfahrungen verarbeiten. Hier findest du ein paar Ideen, wie du dein Leben verändern kannst.
Fantasie
Wenn du künstlerisch arbeitet, verwendest du immer Fantasie, sogar, wenn deine Werke rein autobiografisch sind (eine Erinnerung ist ja nichts weiter als eine Fantasie).
Dabei brauchst du dich nicht einzuschränken. Wenn du in der Lage bist, dir etwas, was du noch nicht erlebt hast, vorzustellen, bist du auch in der Lage, dich darüber auszudrücken.
Wenn du über ein Thema noch nicht so bewandert bist, recherchiere.
Es hat sich immer schon vorher jemand mit dem gleichen oder einem ähnlichen Phänomen beschäftigt – nutze das Wissen, dass sich Leute schon vor dir angeschafft haben und beobachte, wie sie es verarbeitet haben.
Je fantasielastiger du arbeitest, desto mehr musst du dich um die Glaubwürdigkeit deiner Werke kümmern. Wenn du eine gute Beobachtungsgabe hast, wirst du dich dabei leichter tun. Wenn nicht, beginne zu beobachten.
Inspiration
Die Welt ist bis zum Platzen mit Drama gefüllt. Du brauchst wirklich nicht dein eigenes als Ressource. Wenn dir deine Fantasie mal nicht weiterhilft oder du gerne mit der Realität arbeitest, brauchst du nur die Zeitung aufzuschlagen oder den Fernsehen anzumachen. Dort wirst du mit Konflikten geradezu überschüttet (ein Grund, warum ich weder fernsehe, noch Zeitung lese).
Kunst kann natürlich eine produktive Weise sein, mit Leid umzugehen, Kunst kann aber noch sehr viel mehr sein.
Und wenn du trotzdem an deinem emotionalem Drama festhältst, ist eines sicherlich nicht schuld: Deine Kunst.
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Kennst du das Buch “Vincent” von Joey Goebel? Eines meiner Lieblingsbücher und es beschäftigt sich genau damit: Mit dem Leiden um Große Kunst zu schaffen. Im Original heißt das Buch “Torture the artist”. Solltest du dir mal angucken. Tolles Buch.
Ich denke auch, dass a) viele Fakten von berühmten Künstlern meist im Nachhinein “mythisiert” wurden und dass es b) nicht unbedingt erdorderlich ist, Leid zu erfahren, um Kunst zu schaffen.
Andererseits ist genau das der Knackpunkt: Wem es gelingt, “Drama” zu kanalisieren und daraus etwas zu erschaffen, der ist in der Lage, Kunst zu kreieren. An sieser Stelle ist Leid also zum hinreichenden nicht aber zum unbedingt zum notwendigen Ansatzpunkt für Kunst geworden.
Von der Warte betrachtet liegt Kunst bei der Sache eh im Schaffungsprozess. Der Künstler braucht ein Gespür dafür, Banalitäten nicht zu gering zu schätzen (denn daraus kann auch viel entstehen) und gleichzeitig nicht bei jedem kleinen Problemchen zu denken, jetzt Kunst schaffen zu müssen…
@Richard: “Kanalisieren” ist ein gutes Stichwort. Wenn man eine Energiequelle hat (ob positiv oder negativ), kann man sie immer produktiv verwenden, indem man sie auf etwas positives richtet, z.B. eben Kreativität.
@Rae: Nein, das kenn ich noch nicht. Ich schreibs mal auf meine Liste für Bücher, nach denen ich Ausschau halte.
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