Veröffentlicht am 2.Januar 2009
Die Diskussion um Kunst und Kommerz ist eine der Diskussionen, die sich immer wieder in leicht abgewandelter Form in meinen Alltag einschleicht. „Musik aus der Retorte“ wird abschätzig über Bands gespottet, die in den Charts stehen. Indiebands zu hören gilt bei einigen Leuten als Beweis, Ahnung von Musik zu haben. Eine Menge Pauschalisierungen stehen im Raum, die man sich gegenseitig an den Kopf werfen kann. Selten habe ich außerdem so eine Diskussion mit so einem harmlosen Thema gesehen, die die Leute einiger Gemüter so aufheizt. Ich möchte zu diesem Thema nun mal meine Perspektive erläutern.
Hobbykünstler
Es gibt eine Menge Leute, die künstlerisch produktiv sind und damit keinen Cent machen. Alle Leute, die im Steinmetzkurs zusammenkommen und an ihren Skulpturen klopfen, oder all die Bands, die sich treffen, um zu jammen und ab und an bei einer Geburtstagsparty eines Freundes zu spielen, Leute, die einen Comic zeichnen und ihn auf ihre werbefreie Internetpräsenz stellen und noch viele mehr. In der Diskussion geht es natürlich nicht darum, diese Leute verpflichten zu wollen, sich bezahlen zu lassen. Die Diskussion wirft die Frage auf, ob man mit Kunst überhaupt Geld verdienen sollte.
Das Anti-Kommerz Argument
Das Hauptargument, das von den Kommerz-Gegnern ausgesprochen wird, ist, dass Kunst nicht mit dem Gedanken schaffen werden darf, damit möglichst viel Profit zu machen. Anstatt wahre Kunst zu erzeugen, begnügen sich Leute, die das Geld zum Ziel haben, damit, möglichst vielen Leuten zu gefallen, um so viel abzukassieren.
Dieses Argument ist nur auf eine Art und Weise schlüssig:
Wenn man etwas in erster Linie tut, um damit Geld zu verdienen, konzentriert man sich darauf, sein Produkt noch profitabler zu machen, anstatt ein wertvolleres Produkt zu erstellen. Man stellt sich also die Frage „Wie kann ich noch mehr Gewinn machen“, statt „Wie kann ich mein Produkt noch besser machen?“, worunter also der Wert des Produkts leidet.
Sobald das Anliegen des Künstlers nicht die Profitmaximierung ist, zieht dieses Argument aber überhaupt nicht mehr. Nur weil ein Künstler mit seiner Kunst Geld verdient, heißt das nicht, dass Geld das Ziel ist, dass er mit Musik verfolgt.
Ein typisches Gegenargument wäre nun:
Wenn jemand mit Kunst seinen Lebensunterhalt verdient, muss er sich auf das Geld konzentrieren. Geld ist also das Ziel seiner Kunst und darunter leidet die Kunst
Wenn du zufällig jemand bist, der so argumentiert, ist das in Ordnung – mit einem kleinen Problem: Es ist totaler Blödsinn! Nur weil dein Hauptaugenmerk bei deiner Beschäftigung vielleicht das Geld ist, muss das ja nicht bei jedem genauso sein.
Wenn ein Künstler an Geld wollte, um seinen Lebensunterhalt abzusichern, wäre er wahrscheinlich irgendwo angestellt und bekäme einen festen Stundenlohn. Das ist nämlich kurzfristig gesehen die leichteste Methode, Geld zu verdienen.
Wer einer Berschäftigung nachgeht, weil sie ihm Geld bringt und nicht, weil er sie liebt, ist (paradoxerweise) ziemlich arm dran.
Kunst nur für sich allein?
Ein Ideal scheint es zu sein, wenn Künstler nur für sich selbst Kunst machen. Da sie niemandem versuchen zu gefallen, ist die Kunst solcher Künstler unverbeult, wahr und authentisch.
Doch was bringt es der Welt, wenn jemand wahre Kunst macht, und niemand sie zu sehen oder hören bekommt oder wenn es niemandem anderen gefällt (wenn es also einen hohen persönlichen Wert aber keinen sozialen Wert hat)?
Natürlich möchte ich niemand verpflichten, Kunst für mich und den Rest der Welt zu machen. Wenn jemand etwas tut, was er liebt, was ihm Spaß macht, womit er sich kreativ ausdrücken kann, ist das toll! Aber es ist deswegen nicht edler.
Im Gegenteil: Indem jemand versucht, mit seiner Musik anderen Personen einen Wert zukommen zu lassen, und damit ihr Leben zu bereichern, kann man erst beginnen, von einem Ideal zu sprechen: Jemand teilt mit der Welt das, was er liebt!
Warum überhaupt Geld verdienen mit Musik?
Natürlich kann man in Zeiten des Internets seine Werke mit der Welt teilen, ohne einen Cent verdienen. Wäre das nicht noch besser? Wenn man aus Liebe zur Welt seine Liebe zur Kunst teilt? Ja, natürlich! Aber das heißt nicht, dass man damit nicht gleichzeitig Geld verdienen kann.
Der umgekehrte Prozess wäre logisch: Gerade weil man eine Tätigkeit liebt, wäre es sinnvoller damit Geld zu verdienen, als mit etwas, was man nicht liebt. Denn wenn ein Künstler Geld mit einer Sache verdient, die er nicht liebt, muss er dazu ja Zeit aufwenden, die viel sinnvoller genutzt würde, wenn er sie in seine Kunst investieren würde. Jemand, der sich auf die Art und Weise beschränkt, nur mit Tätigkeiten Geld zu verdienen, die er nicht liebt, hält sich dadurch auch von der Liebe fern – es sei denn, er verdient überhaupt kein Geld.
Warum sollte man darauf verzichten, Geld für etwas zu nehmen, was man zu tun liebt? Zwei Fliegen mit einer Klappe!
Die Wahrheit
Das alles gilt natürlich nicht nur für künstlerische Tätigkeiten. Auch ein Ingenieur kann seinen Beruf lieben und damit Geld verdienen. Oder eine Lehrerin. Oder ein Straßenkehrer. Oder eine Anwältin. Wo liegt das Problem?
Wenn du selbst Probleme damit hast, dass andere „etwas für Geld machen“, solltest du deine Einstellung überprüfen. Es gibt sicherlich die verschiedensten Gründe, warum man bei diesem Thema negativ reagieren kann. Das einzige, was dir deine negative Reaktion bringt, ist, dass du etwas über dich selbst daraus lernen kannst: Warum reagierst du so? Was ist dir wichtig? Was willst du und was willst du nicht? Willst du auch mit der Tätigkeit Geld verdienen, die du am meisten liebst? Was willst du tun und was hält dich dann noch davon ab?