Interview mit Ben Walker: Das Leben als Vollzeitmusiker

Veröffentlicht am 15.März 2009

Ein Interview mit Ben Walker. Seid nicht zu streng zu mir, so oft übersetze ich keine Texte aus dem Englischen.

Alice Hive: Wann hast du dich dazu entschieden, ein Vollzeitmusiker zu werden?

Ben Walker: Ich hab mich dazu entschieden, Vollzeitmusiker zu werden, während ich an der Universität war (das ist jetzt 10 Jahre her). Nachdem ich die Universität verlassen hatte, war ich vollzeitig in einer Band mit einem Vertrag für ca. 18 Monate. Nebenbei hab ich immer Freelance-Aufträge angenommen: Ich habe Webseiten entwickelt, um mich über Wasser zu halten.

A.H.: Wie hast du angefangen?

B.W.: Kontakte. Ich habe nie bewusst versucht, mein Netzwerk zu vergrößern und Kontakte zu schließen, aber wenn du in Bands spielst und zu Gigs gehst, lernst du dabei automatisch ein Netzwerk von Musikleuten kennen. Der Bassist in meiner Band ist ein Typ, mit dem ich in die Schule gegangen bin – als wir 14 waren, haben wir angefangen bei Dinner Jazz Gigs zu spielen. Mein Schlagzeuger war an einem Music College mit meinem Bassisten. Vor etwa acht Jahren ging ich jeden Monat nach London, um Jont singen zu sehen, und jetzt spiele ich Klavier für ihn. Und mein Bruder hat auf seinem letzten Album Schlagzeug gespielt. Bei einem Netzwerk muss es nicht um Visitenkarten und Smalltalk gehen. Viel öfter sind es einfach Freunde und Verwandte.

Als ich dabei war, die Universität abzuschließen, bekam ich einen Anruf von meiner Ex-Freundin. Es war ihr erster Tag, den sie für einen Band Manager arbeitete, und ihre Aufgabe war es, einen Keyboarder für diese neue Indieband zu finden. Bevor sie Anzeigen veröffentlichte und auf Talentsuche ging, rief sie mich an. Es war einfacher, und sie wusste, dass sie ihren neuen Chef beeindrucken konnte, indem sie gleich am ersten Tag ein tolles Bandmitglied fand.

Ich wusste wirklich nicht wie der Alltag eines professionellen Musikers aussah, als ich anfing. Es schien also vernünftig, im Studio herumzuhängen und zwischen Takes von Klavierparts Videos von River Cottage und Ultimate Fighting Championship anzusehen. Es gibt eine Menge, das dir am Anfang nicht gesagt wird, aus Angst, du könntest dann anfangen, vernünftige Arbeitsbedingungen erwarten.

A.H.: Wie sah dein typischer Arbeitstag aus?

B.W.: Die Tage mit der Band haben Spaß gemacht, aber ich werde dir nichts darüber erzählen, weil sie mich nicht wirklich weiter gebracht haben. Anfang 2009 gab ich meinen Job auf und wurde Vollzeitmusiker für die nächsten 9 Monate. Darüber werde ich berichten.

Ich stand um 7 Uhr auf. Ich war noch nie eine Morgenperson aber ich finde diese erste Stunde unbezahlbar. Bevor irgendjemand aufwacht, vor dem Frühstück. Ich hatte eine strenge Routine: 30 Minuten freies Prosaschreiben, normalerweise zum Thema eines Songtitels (ich führe eine große Liste potenzieller Titel, so habe ich immer einen Anfangspunkt); 30 Minuten, um das Geschriebene durchzugehen und Phrasen und Reime zu finden; 30 Minuten Editieren der Arbeit von gestern. Danach Frühstück.

Um 9 war ich bereit, mit der wirklichen Arbeit zu beginnen. Zwei bis drei Stunden E-Mails beantworten, RSS-Feeds lesen, bei Twitter aufholen, durch die To-Do-Liste gehen. Am Nachmittag drei Stunden an dem Song weiterschreiben, den ich früh begonnen hatte und eine Demo aufnehmen. Egal wie die Qualität des Songs oder der Aufnahme war, musste ich eine Demo um 17Uhr fertig aufgenommen haben. Der Rest des Abends war ziemlich normal – essen, lesen, spazieren gehen, schlafen.

Ich habe diese Routine gewissenhaft ein paar Monate lang durchgehalten. In dieser Zeit habe ich 50 Songs in 90 Tagen geschrieben, hunderte von Leuten durch meine Musik kennengelernt, eine Menge an Gigs gespielt, ein paar großartige Suppen gekocht und ca. 30 brillante Bücher gelesen. Wenn ich das für immer tun könnte, würde ich es tun.

A.H.: Welchen Herausforderungen bist du als Vollzeitmusiker begegnet?

B.W: Geld, Motivation und Zeitmanagement. Ich verdiente überhaupt nicht viel Geld, aber ich nahm den finanziellen Verlust absichtlich in Kauf, weil ich wusste, wie wichtig es war, diese verlängerten Zeitraum von Kreativität und Routine zu behalten. Motivation war kein Problem für mich, aber es war sicherlich eine Herausforderung. Es gab keinen Tag, an dem ich mich nicht selbst überzeugen musste, dass ich das richtige tat. Zeitmanagement war eine massive Herausforderung. Es wird keinen Tag geben, der lang genug ist, wenn man kreativ arbeitet. Es ist so leicht bis fünf Uhr morgens an dieser einen großartigen Idee zu arbeiten, aber du musst diesem Drang widerstehen, denn wenn du das tust, sind die nächsten paar Morgen vermasselt. Und wenn die Routine einmal aus dem Ruder gerät, hast du keine Chance mehr.

A.H.: Was möchtest du Musikern sagen, die beginnen möchten Vollzeitmusiker zu sein?

B.W.: Es geht um die Leute. Es ist toll, in deinem Zimmer zu sitzen, total eingenommen von deinem Meisterwerk, aber niemandem wird das jemals so wichtig sein wie dir. Wenn du einmal ein paar Demos aufgenommen und ein paar Gigs gespielt hast, geh nach draußen und erzähl den Leuten davon. Versuch nicht, deine Musik zu verkaufen. Verkaufe dich selbst. Du bist viel interessanter und wenn die Leute dich mögen, werden sie auch deine Musik mögen. Im Grunde ist Musik dazu da, Menschen zu verbinden. Vergiss das nicht.

Finde Leute, die dasselbe tun und rede mit ihnen. Heute ist das leichter, als jemals zuvor – sie sind alle bei Twitter! Sag hallo und nerv sie mit deinen Fragen. Beginne mit jedem zu reden, der was mit Musik zu tun hat. Und finde heraus, was deine Geschichte ist. Du brauchst dir keine auszudenken, versuche einfach etwas niederzuschreiben und zu bearbeiten, bis etwas herauskommt, was zumindest ansatzweise bedeutungsvoll und interessant ist. Wenn dich die Leute fragen, was du tust, oder tun willst, musst du fähig sein, ihnen in die Augen zu sehen und es zu sagen. Musiker sind darin oft nicht sehr gut.

Erobere das Internet. Das ist der leichteste (und oft der einzige) Weg, mit deinen Leuten in Verbindung zu kommen. Wenn du technophobisch bist, musst du darüber hinweg kommen. Finde einen freundlichen Geek und bitte ihn darum, dir die Grundlagen zu erklären. Eröffne einen Blog. Melde dich bei Twitter an. Übe, interessant zu sein. Es wird eine Weile dauern, aber es ist in Ordnung ganz von vorne anzufangen.
Am Anfang wird es sowieso noch niemand lesen. Benutze kostenlose Services, die es dir einfacher machen. Wenn du dich mit Tumblr, Bandcamp, Vimeo, ReverbNation und was es sonst noch gibt, nicht auskennst, frag deinen freundlichen Geek. Bezahle ihn vielleicht sogar. Und lies newmusicstrategies.com von vorne bis hinten.

Erkunde deine Seele. Finde heraus, worin du gut bist. Finde heraus, was deine Leidenschaften sind. Nicht immer sind das die selben Dinge. Sei manchmal selbstkritisch. Je mehr du dir über dich selbst bewusst bist, desto leichter wird es sein, Leute zu finden, die die Lücken in deinem musikalischen Fähigkkeitenset ausfüllen können. Und auf einem tieferen Level finde heraus, wo du auf der Skala zwischen Handwerker und Künstler stehen willst. Es wird eine Weile dauern, deine Platz zu finden, fang also jetzt an, darüber nachzudenken.

Werde besser. Egal was du tust, versuche mehr zu lernen. Nimm Unterricht. Studiere die Großen. Übe. Es ist nicht schwierig, besser zu werden, als die meisten Leute, wenn du die entsprechende Zeit hineinsteckst, denn die meisten Leute stecken die entsprechende Zeit nicht hinein.

Lies einige gute Bücher. Lass dich inspirieren und einnehmen von den Leuten, die die Spitze erreicht haben und ihr Wissen geteilt haben (Julian Cope: „Head On“ für Rockstars, Twyla Tharp: „The Creative Habit“ für Künstler; Clay Shirky: „Here Comes Everybody“ für Futuristen; alles von Lester Bangs oder Richard Meltzer für Kritiker). Gib deinem Hirn Futter und teile das, was du lernst, mit anderen Leuten.

Angstdenken ist für Loser. Gib deine Musik her. Höre auf niemanden, der dir erzählt, dass 30-Sekunden-Clips gut und Filesharing schlecht ist. Solche Leute verstehen nicht, was im Moment passiert und schon gar nicht, was in Zukunft passieren wird. Lass sie untereinander leeres Geschwätz austauschen, während du neue und interessante Wege entdeckst, deinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen.

Ben Walker war 2008 neun Monate Vollzeitmusiker. Auf seiner Homepage ihatemornings.com kann man nicht nur den „Twitter Song“ hören, sondern auch seine Compilation „This Is Not An Album“ downloaden. Momentan lebt er in Oxford.

Mehr von Ben Walker:

Ben’s Homepage
Ben’s Twitteraccount

Vielen Dank für diese interessante Interview!

Interview mit Rae Grimm

Veröffentlicht am 10.Februar 2009

Sie bloggt, schreibt Geschichten, fotografiert, stellt selbst Schmuck her. Die Fotodesignsudentin Verena „Rae“ Grimm steckt voller Ideen. Ich habe sie für euch einmal interviewt.

Alicehive.de: Wie hast du angefangen, Kunst für dich zu entdecken?

Rae Grimm: Als ich ungefähr fünf oder sechs war, haben meine Eltern sich einen Hund gekauft. Einen Schäferhund namens Odin. Mein Vater fuhr quer durchs Land, um ihn abzuholen und ich vertrieb mir die Zeit bis zu seiner Rückkehr damit, dass ich Bilder von diesem Hund malte und meine Oma überredete die Geschichten, die ich mir zu ihm ausdachte, aufzuschreiben. So wurde wohl der Grundstein gelegt.
Als ich so 13-14 war, habe ich das Internet entdeckt und mit Webdesign und Fotomanipulationen begonnen. So bin ich auf verschiedene Internetseiten wie deviantArt gekommen, die letztlich den Anstoß für mich gaben, zum ersten Mal eine Kamera in die Hand zu nehmen mit der Intention mehr zu tun, als nur ein Urlaubsfoto zu machen.

A: Wann war für dich klar, dass du einen künstlerischen Berufsweg einschlagen würdest?

R.G: Überraschend spät. Auch wenn meine Lehrer durchgehend meinten, dass Kunst oder Design durchaus der richtige Weg für mich wäre, wollte ich das nie. Sicher, ich wollte immer Schriftstellerin sein, aber nur neben einem „normalen“ Job. Ich wollte eigentlich in eine naturwissenschaftliche Richtung oder in die Forschung. Als ich 18 war, ein paar Monate vor dem Fachabitur, kam ich in eine Sinnkrise, die das alles in Frage stellte. Zu diesem Zeitpunkt fotografierte ich gerade zwei Jahre. Es dauerte ein paar Wochen, aber dann traf es mich wie eine Faust ins Gesicht, dass ich genau das gerne machen würde. Fotografieren.

A: Woher nimmst du deine Ideen? Was inspiriert dich?

R.G: Die Antwort „alles“ ist wohl zu allgemein, oder? Ich sage gerne, dass die Ideen zu mir kommen, die Geschichten. Sie kommen zu mir und wollen erzählt werden und das versuche ich so gut es geht.
Inspiration kann man aus allem schöpfen. Aus einem Lied, einem Bild, einem Moment…
Es kann ein Satz in einem Buch sein, der plötzlich heraussticht und eine völlig andere Bedeutung und Geschichte in sich birgt als die, die das Buch erzählen will. Manchmal ist es ein Gedanke, der plötzlich da ist und nicht mehr verschwinden will. Es ist immer völlig unterschiedlich und letztlich kann ich kaum sagen, woher diese Ideen kommen, nur dass sie plötzlich da waren, als hätten sie gewartet gefunden zu werden.

A: Dein Hausmittel gegen weiße Blätter und Ideenlosigkeit?

R.G: Das ist schwierig. So etwas wie die Angst vor dem weißen Blatt kenne ich nicht, eher das Gegenteil. Ich muss es zwanghaft füllen.
Aber es gibt natürlich immer Phasen, in denen wollen die Worte einfach nicht kommen oder nicht die richtigen. Das hatte ich auch schon zur Genüge.
Es kommt immer auf die Situation an. Schreibe ich gerade an einer Geschichte und komme nicht weiter, hilft es, wenn ich erst einmal etwas komplett anderes mache. Ein Bad nehme oder einen Spaziergang mache oder Schmuck bastle.
Will ich jedoch etwas Neues beginnen und weiß nicht was, dann hilft es, wenn ich mir ansehe, was andere so gemacht haben. Künstler oder Fotografen. Es verstecken sich immer Geschichten in und hinter den Bildern und die Geschichte, die du siehst, sieht vielleicht kein anderer.
Manchmal darf man gar nicht groß darüber nachdenken, was man schreiben will und muss die Worte einfach kommen zu lassen. Es ist immer wieder überraschend welche Worte einen finden.

A: Du schreibst nicht nur und fotografierst, sondern stellst auch selbst Schmuckgegenstände wie Ohrringe oder Anhänger her. Was gibt dir die Arbeit mit diesen verschiedenen Medien?

R.G: Jede Arbeit ist vollkommen anders und füllt mich auf eine völlig unterschiedliche Art aus.

Die Herstellung von Schmuck zum Beispiel, kann sehr monoton sein, trotzdem ist es nicht langweilig. Ich finde Ruhe darin Teile zusammen zu setzen, abzuschmirgeln, zu oxidieren, zu schneiden,… Die Arbeit ist eher handwerklich als kreativ und sie hilft den Kopf frei zu bekommen, wenn die Gedanken mal wieder aus dem Ruder laufen.
Die Fotografie ist wohl am anstrengendsten, denn für sie bin ich viel unterwegs und immer auf der Suche nach neuen Modellen, Motiven, Locations… Sie gibt mir jedoch eine Ausrede in die verschiedensten Bereiche hinein zu schnuppern und immer wieder neue Menschen kennen zu lernen, mich mit ihnen zu unterhalten, von ihnen zu lernen und inspiriert zu werden. Jedes Shooting ist anders und birgt neue Überraschungen, die mich auf ihre Weise weiter bringen.
Das Schreiben jedoch ist und bleibt wohl der wichtigste kreative Teil meines Lebens. Es vergeht keine Stunde, die ich nicht zumindest über meine Geschichten und Figuren nachdenke. Das Schreiben erfüllt mich mehr, als es die anderen Medien tun. Es gibt kein Gefühl, das vergleichbar ist mit dem Rausch, den eine gute Idee für eine Geschichte bringen kann. Kein Gefühl, das dem nahe kommt, was ich fühle, wenn die Worte beginnen mich mit ihnen zu tragen.

A: Was planst du für die Zukunft?

R.G: Oh so einiges. Die nächsten zwei Jahre sind vollgestopft mit Plänen und Träumen.
Im nächsten Jahr fällt mein Diplom in Fotodesign an. Ich möchte meine Bilder mit meinen Geschichten zu verbinden, was sehr anstrengend werden wird. Dafür muss ich mir nicht nur über die Fotos selbst Gedanken machen, sondern auch noch eine Reihe, die ich vor einigen Jahren angefangen habe zu schreiben, fertig stellen. Ich habe diese Medien noch nie kombiniert, daher ist es eine umso größere Herausforderung.
Mein Vorsatz für dieses Jahr ist es ja, jede Woche eine Kurzgeschichte zu schreiben und auch an meinem derzeitigen Romanprojekt „Noir“ zu bleiben und es in absehbarer Zeit zu beenden. Außerdem möchte ich mich immer weiter entwickeln, was meine Schmuckherstellung angeht und mir damit vielleicht ein kleines Standbein aufbauen, um meine Fotografie besser finanzieren zu können. Im Studium habe ich die Vorgabe ein Auslandsprojekt zu bearbeiten, also werde ich dieses Jahr auch für ein paar Wochen nach Dublin verschwinden, um dort zu fotografieren. Wenn ich so darüber nachdenke, dann habe ich mehr Pläne, als Zeit, aber egal. Ein bisschen Größenwahnsinn muss schon sein. Das Leben ist schließlich dafür da seine Träume zu leben.

Vielen Dank für diese interessanten Antworten!

Mehr von Rae gibt’s auf ihrer Webseite oder ihrem Blog.

Rae Grimm.

Schlüsselbund Creolen.

“The Letter”