Ich werde öfter mal gefragt, wie mein Songwriting-Prozess aussieht. Für viele Laien ist es schwierig, es sich vorzustellen, wie man einen Song schreibt. Andererseits gibt es auch unter Musiker so viele Methoden und Herangehensweisen, dass man schon dadurch auf neue Ideen kommen kann.
Wenn ich Songs schreibe, dann schreibe ich sie fast ausschließlich mit meinem PC und meinem Keyboard. Mein Keyboard ist dazu per USB mit meinem PC verbunden. Wenn ich es spiele, sendet es MIDI-Signale an meinen Computer.
Auf meinem Computer ist ein Sequencer installiert. In meinem Fall ist es Cubase. Andere Sequencer sind z.B. Pro Tools, Logic (nur noch für Mac), Samplitude, Ableton Live oder Fruity Loops.
Der Sequencer ist das Programm, mit dem ich meine Musik aufnehmen und bearbeiten kann. Projekte in Sequencern sind in mehrere Spuren unterteilt. Auf jede Spur kann man nun bestimmte Instrumente und Effekte legen. Spielt man mehrere Spuren gleichzeitig ab (zum Beispiel eine Gitarrenspur, eine Bassspur und eine Drumspur), so hat man eine übersichtliche Grundlage für einen Song.
In fast jedem Sequencer hat man die Möglichkeiten, Audio- oder MIDI-Spuren anzulegen.
Audio ist alles, was bereits festgelegte Wellenformen hat, z.B. alles was über ein Mikrofon aufgenommen wurde. Alle .wav und .mp3-Dateien sind Audio. Der Computer muss sie nur noch abspielen, er muss nichts selbst generieren, es ist alles schon da. Der Computer liest eine Audio-Datei, wie die Nadel des Plattenspielers die Platte liest.
MIDI ist dagegen ein Steuerungscode. In einer MIDI-Datei stehen Anweisungen, wann der Computer wie lange welchen Sound generieren soll. Der Sound muss jedes mal erst ausgerechnet werden und entsteht damit jedes mal neu. Mit MIDI lassen sich etwa Synthesizer steuern.
Ich nutze zum Songwriting ausschließlich MIDI. MIDI ist sehr flexibel und einfach und hilft deswegen enorm, sich beim Songwritingprozess auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Song.
Wenn ich einen Song schreiben möchte, beginne ich damit, eine Melodie auf meinem Keyboard zu suchen. Wenn ich eine gute Melodie gefunden habe, spiele ich sie ein. Das heißt, ich nehme mit dem Sequencer die MIDI-Signale auf, die das Keyboard schickt, während ich es spiele. Das hört sich jetzt komplizierter an, als es ist, denn ich brauche dazu nur einen einzigen Knopfdruck.
Wenn die Aufnahme abgeschlossen ist, habe ich eine MIDI-Sequenz in meinem Sequencer. Diese Sequenz ist ein Abbild dessen, was ich gespielt habe. Ich kann die Sequenz beliebig oft abspielen. Es wird immer erneut und exakt das reproduziert, was ich das erste mal gespielt habe.
Ich kann meine MIDI-Sequenz wieder an mein Keyboard leiten und mein Keyboard damit steuern. Ich kann die MIDI-Sequenz aber auch an ein anderes Instrument leiten, etwa an einen Synthesizer. Der Synthesizer hält sich ebenfalls an die Befehle, wann welcher Ton wie lange gespielt werden soll – er generiert damit lediglich einen anderen Sound. Eben den Sound, den man einstellt.
Indem man also eine MIDI-Sequenz generiert, kreiert man lediglich eine Melodie und legt das Instrument damit noch nicht fest. Das ist gut, denn um Instrumentierung kann ich mich dann immernoch später kümmern, wenn ich mehr über meinen Song weiß. Ich kann MIDI-Sequenzen sogar beliebig bearbeiten: Das heißt, einen Ton herausschneiden, einen anderen verlängern oder verschieben ist gar kein Problem.
Meine MIDI-Sequenz liegt nun auf einer beliebigen MIDI-Spur. Ich hab meine Melodie. Nun kann ich weitere Melodien darüber legen. Etwa eine Begleitungsmelodie.
Ich mache aus der vorhandenen MIDI-Sequenz nun einen Loop, so dass sie sich ständig wiederholt. Dann probiere ich auf meinem Keyboard verschiedene Begleitungsmelodie aus, während sich die erste Sequenz immer und immer wieder wiederholt.
Habe ich eine passende Begleitung gefunden, gehe ich in den Recording-Modus und spiele sie ein. Dabei wird die erste Sequenz, sofern ich das will, immer noch abgespielt. Das ist praktisch, denn so kann ich mich an der Melodie orientieren.
Nun habe ich zwei Sequenzen. Und so geht das immer weiter. Irgendwann habe ich einen ganzen Bildschirm voller Sequenzen. Na gut, ich bin minimalistisch veranlagt und deswegen sieht es bei mir nicht ganz so schlimm aus, aber an sich ist jeder meiner Songs nur ein Haufen MIDI-Sequenzen, wenn ich ihn schreibe.
Nun zur Preisfrage: Muss man dafür Keyboard spielen können?
Nein, muss man nicht. Das Keyboard ist lediglich eine praktische Hilfe: Man drückt eine Taste, es kommt ein Ton raus – einfach spitze, wenn man wissen möchte, welche Melodie sich eignet und welche nicht.
Ansonsten bietet fast jeder Sequencer mehrere Möglichkeiten, die MIDI-Töne einzeln zu programmieren. Etwa über einen Noten-Editor, einen Listen-Editor oder einen Event-Editor. Das ist aber relativ aufwendig, da man damit jeden Ton einzeln einzeichnen muss, was einerseits länger dauert und zweitens einem die mögliche Flexibilität beim Improvisieren nimmt.
MIDI-Sequenzen zu erstellen ist lediglich eine der Möglichkeiten, einen Song mit dem Computer zu schreiben. Es ist die Möglichkeit, die ich mir angewöhnt habe und die meiner Meinung nach durch ihre Einfachheit und Flexibilität besticht.
Wenn ich mich um das Songwriting kümmere, muss ich meistens nicht mehr als drei Knöpfe drücken: Play, Record, Stop. Fehler lassen sich leicht ausbessern, Arrangements lassen sich komplett ändern.
Wenn es dich interessiert, wie man von einer einzelnen Melodie nun zum Song kommt, empfehle ich dir die beiden Artikel:
Songwriting Crashkurs
Songparts und ihre Funktionen
Veröffentlicht am 13.Juli 2009