Viele Musiker träumen immer noch das Märchen vom Plattenvertrag bei einem Major Label. Das Märchen besagt: Wer erst einen Plattenvertrag bei einem Major Label hat, lebt glücklich, erfolgreich und finanziell unabhängig bis an den Rest seines Lebens und braucht sich um nichts mehr zu kümmern, als um seine Musik.
„Der Wahrheit“, wie er sich im Netz nennt, hatte nach eigenen Angaben einen Plattenvertrag bei einem Major Label. Seine Erfahrungen konnten sich allerdings nicht mit dem Märchen decken.
Um ein bisschen mehr über seine Zeit bei einem Major Label zu erfahren, habe ich ihm ein paar Fragen gestellt und auch sehr interessante Antworten erhalten:
Alice Hive: Hallo “Der Wahrheit”, vielleicht könntest du dich erstmal für alle, die dich und deinen Blog noch nicht kennen einmal vorstellen.
Der Wahrheit: Ich bin Musiker in einer Band, die bei einem Major Label unter Vertrag war. Was für viele Bands das große Ziel ist, stellte sich für uns als große Enttäuschung heraus. Und wir waren nicht die einzigen mit diesen Erfahrungen. Über meine Erfahrungen schreibe ich in meinem Blog.
Alice Hive: Welche Erfahrungen hast du in der Zeit gemacht, in der du einen Major-Deal hattest, über die sonst nicht so berichtet wird?
Der Wahrheit: Das ist natürlich zu viel, um es ein wenigen Sätzen zu sagen. Aber fast jede Band, die schon länger zusammen Musik macht, ist bestimmt einmal dem Macker begegnet, der ihnen erzählt hat, wen er alles kennt, wie groß er sie rausbringen kann und was für ein riesiges Potential die Band hat. In der Musikindustrie tauchen genau dieselben Leute auf, nur mit mehr Geld und manchmal sogar einem ehemaligen Erfolg, der zwar nicht ihrer gewesen sein muss, auf den sie aber ihre gesamte Glaubwürdigkeit stützen. Wir wurden teilweise als der Heilsbringer der deutschen Musikbranche gehandelt. Auf unseren bevorstehenden Megaerfolg wurde sogar ein größerer Geldbetrag gewettet. Auf dem Höhepunkt des Hypes – der sich natürlich nur auf die Branche selbst bezog und nichts mit Fans zu tun hatte – wurden wir auf die begehrtesten Partys der Szene eingeladen, speisten wir auf Kosten anderer in den besten Restaurants und träumten natürlich vom Leben als Stars. Denn die Profis mussten es ja wissen.
Als dann die erste Single nicht in Top Ten ging (wie sollte sie auch?), ging man auf Distanz. Erst noch von langfristigem Aufbau gesprochen, war plötzlich niemand mehr zu erreichen. Die Sekretärinnen erzählten uns bei jedem Anruf, es sei gerade niemand am Platz. Auf Rückrufe warteten wir ewig. Man diskutierte angeblich über den zweiten Singlekandidaten. Die Single kam aber nie. Hätten wir nicht einen guten Anwalt gehabt bei den Vertragsverhandlungen, wären wir rechtlich bewegungsunfähig gewesen. Man hätte uns ausbluten lassen. Ausnahmslos alle Bands, die mit uns damals in derselben Situation waren, sind auseinandergebrochen.
Im Nachhinein mussten wir erfahren, wie wir sogar über lange Zeit hinweg von einigen belogen wurden. Unser eigener Manager hat hinter unserem Rücken versucht, Geld abzuziehen, das ihm nicht zustand. Das Musikbusiness verhält sich nach innen wie nach außen: Viel Show, wenig Substanz, viel Gerede, wenig Tat, das Spiel mit den Träumen der Menschen und eine ausgeprägte Abneigung gegen die Realität.
Fairerweise muss man aber auch sagen, dass wir auch viele gute Momente hatten. Wir durften vor zig Tausend Leuten spielen und haben dabei für eine kurze Zeit Geld verdient. Unser Album wurde veröffentlicht und wird immer noch gehört von unseren Fans. Wir hatten viel Spaß auf Tour. Die Groupies waren von Anfang an da. Man hielt uns für Stars. Und das Verhältnis zu anderen Musikern war immer sehr kollegial. Viele sind gute Freunde geworden. (Von den Vertretern der Industrie dagegen so gut wie niemand. Aber wen wundert’s?)
Alice Hive: Welche Botschaft brennt dir für deine Leser am meisten auf der Seele?
Der Wahrheit: Ein Musiker sollte sich absolut bewusst sein, dass ein Plattenvertrag keine Garantie für irgendetwas ist. Das Label muss vertraglich gesehen nicht einmal ein Album veröffentlichen. Viele Bands erleben genau das. Aber dramatischer ist die Tatsache, dass die Labels selbst wenn sie wollen eigentlich gar nicht wissen, wie man einen Newcomer etabliert. Ein typischer Marketingplan besteht aus Radiopromotion, TV-Promotion, Pressepromotion, Internetpromotion und Live-Gigs. Aber die Radios spielen nur noch die Hits der 80er, 90er und von heute. Tina Turner ist allemal besser für die als ein unbekannter Künstler aus Deutschland. Im Fernsehen gibt es auch kaum noch Musik. Und wenn doch mal ein Musikvideo auf MTV läuft, schauen maximal ein paar 14-jährige zu. Die Presse, mittlerweile auch am Kämpfen, bewegt sich häufig in ihrer eigenen Blase. Passt man da stilistisch nicht rein, hilft maximal eine parallel geschaltete Anzeige, oder es wird halt nicht berichtet. Der Internetplan besteht oftmals nur aus der iTunes/Musicload-Bemusterung und einer Website. Und ist man im Bestfall als Vorband einen Monat lang in 3.000er-Hallen unterwegs, erreicht man etwa 70.000 Menschen, von denen sich – auch im Bestfall – etwa ein Zehntel für einen interessieren, hat man 0,01% der Deutschen erreicht. Wie soll dann eine kritische Masse von einer neuen Band erfahren? Die Major Labels haben auch hierauf keine Antwort.
Der “eigentliche” Plan der Major Labels sieht also so aus: Man wirft mit möglichst wenig Aufwand eine Single auf den Markt. Wenn die aus einem unerklärlichen Grund erfolgreich ist, kann man auch das Album bringen und weitermachen. Wenn sie aber – und so ist das meistens – völlig unbeachtet untergeht, versucht man es mit der nächsten Band. Ich weiß, dass die nächsten Hoffnungsträger gerade im Luxusrestaurant sitzen und man ihnen erzählt, sie werden mal ganz groß rauskommen.
Alice Hive: Was kann man sich von einem Plattenvertrag erhoffen? (Und was kann man sich davon nicht erhoffen?)
Der Wahrheit: Einen klitzekleinen Vorschuss, eine Albumproduktion und ein paar Konzerte als Supportact. Im Bestfall zusätzlich ein motiviertes Team mit einem Marketingbudget. Man hat etwa drei Monate, dann wechselt das Team wieder, und alles steht erst einmal still. Selbst die großen Acts müssen das hinnehmen, nur schadet das denen nicht so sehr wie einem Newcomer, der nur vom guten Willen getragen wird. Man hat genau eine Chance erfolgreich zu werden. Und die ist statistisch gesehen auch sehr unwahrscheinlich. Aber es kann klappen. Wenn die Radiosender die Musik doch spielen. Wenn sich das Musikvideo auf YouTube von selbst verbreitet. Wenn in der Zielgruppe ein Hype entsteht.
Ein Plattenvertrag ist kein Erfolg. Das ist ganz wichtig. Sehr viele Bands haben einen Plattenvertrag, und niemand weiß etwas davon. Man sollte sich keine Wunder erhoffen. Auch ein Major Label kocht nur mit Wasser. Da passiert nichts Wundersames, was einen berühmt macht. Die Major Labels kontrollieren auch nicht die Medien, sondern müssen sich da ebenso anbiedern wie jeder andere. Wenn die Medien nicht wollen, wollen sie nicht. Es kommt am Ende doch auf das Produkt an.
Wenn einem das klar ist und man sieht, wie wenig deutsche Newcomer die Labels noch hervorbringen, muss man sich ernsthaft fragen, ob das der richtige Weg ist. Es ist berechtigt zu fragen, was ein Label heutzutage noch tun kann, was man nicht auch selbst tun kann.
Alice Hive: Wie muss man sich das Leben als Musiker mit einem Major-Label-Deal vorstellen?
Der Wahrheit: Zunächst wird man von allen Leuten umworben und mit Komplimenten beworfen. Man kann sich sehr schnell unheimlich wichtig fühlen. Andere Bands fangen an einen zu bewundern. Das ist die Anfangsphase, in der man sich seine Zukunft im großen Whirlpool mit den Frauen und der Champagnerflasche ausmalt.
Das Major Label gibt einem währenddessen zu verstehen, dass man jederzeit bereit stehen muss. Man könnte ja schon nächste Woche von “Wetten dass…?” eingeladen werden. Das Label übernimmt alles. Der Künstler soll warten, bis es richtig losgeht. Dabei ist das fatal. Künstler sollten gerade in dieser Phase so aktiv wie möglich sein, mit den Fans kommunizieren, neue Stücke schreiben (z.B. für das zweite Album), sich um Artwork und Internetauftritt kümmern. Ein guter Manager wird selbst versuchen, Medienkooperationen ins Leben zu rufen. Die beste Einstellung ist die, bei der der Künstler so handelt, als hätte er keinen Label Deal. Letztendlich und insbesondere heute kommt es viel mehr auf die Arbeit des Künstlers an als auf die des Labels.
Sollte es richtig losgehen, ist man tatsächlich viel unterwegs. Auf Konzerten, Radiosender-Touren, Festivals und TV-Auftritten. Hat die erste Single nicht eingeschlagen, sitzt man danach wieder zu Hause und wartet die Diskussion ab. Hat sie eingeschlagen, ist man nur noch unterwegs. Davon kann ich aber nur aus zweiter Hand berichten.
Alice Hive: Welche Wege siehst du für Musiker, die den Weg des Plattenvertrags nicht gehen wollen?
Der Wahrheit: Aus den genannten Gründen würde ich das heute fast jedem Musiker empfehlen. Aber das bedeutet auch, dass man sehr viel selbst machen muss. Wer sich ausschließlich mit Musikmachen beschäftigen will, wird nicht weit kommen. Künstler sollten sich um ihr Image kümmern, sehr viel mit den Fans kommunizieren, Geschäftsleute sein, sich mit den Hilfsmitteln des Internets auskennen und sie aktiv einsetzen, falls möglich viel live spielen, Videos drehen und auf YouTube veröffentlichen und Netzwerke aufbauen. Wer diese Dinge nicht kann, soll sie erlernen oder jemanden finden, der sie übernimmt.
Natürlich gibt es viele Musiker, die das alles tun und trotzdem nicht erfolgreich sind. Das eigentliche Produkt, das heißt die Musik und das Image, steht immer noch im Mittelpunkt. Wenn das niemanden anspricht, helfen auch die anderen Dinge wenig. Aber das war schon immer so. Die Plattenfirmen wissen, dass nur ein sehr kleiner Teil ihrer Künstler erfolgreich wird. Das ist auch ohne Plattenvertrag nicht anders.
Vielen Dank an „Der Wahrheit“ für die ausführlichen und informativen Antworten!
Wer mehr über ihn oder seine Erfahrungen wissen möchte, besucht am besten seinen Blog.
Mehr Informationen über das aktuelle Musikbusiness und neue Strategien für Musiker findet ihr zudem in anderen Musikbusinessblogs.
Veröffentlicht am 13.Dezember 2009
Guter und wichtiger Beitrag! Was “Der Wahrheit” da erzählt, deckt sich völlig mit dem, was ich durch persönliche Kontakte mit Musikern einer Band mit “Major Deal” erfuhr. Einer keineswegs erfolglosen Band übrigens, wobei in dieser Band auch ein Musiker einer wirklich erfolgreichen Band mitmacht – und auch in dieser wirklich erfolgreichen Band flucht man über das verdammte Kleingedruckte im Vertrag mit dem “Major Label”.
Also: wer wirklich engagiert Musik machen und die Kontrolle über das eigenen Werk behalten will, sollte das mit dem “Major Deal” noch mal gut überlegen.
Ha! Major Deal… Jaja, Labelarbeit… Ich denke wirklich heute ist die Labelarbeit nicht mehr soooo wichtig wie damals. Das meiste kann man durch eigenen Einsatz selbst schaffen. Was wirklich gut ist, sind die Kontakte, und das Budget, wenn es denn welches gibt. Aber ich denke auch, mehr als einen Vorschuss sollte man nicht erwarten. Musiker sein, ist hartes Brot. UNd es wird immer härter. Was ich nich zu den MAjors sagen kann, ist, dass sie auch gezielt Acts vom Markt kaufen. Gibt es einen Band die zufällig denselben Sound hat wie die Band die gerade von der Firma gepusht wird, dann bekommen sie besuch von einem ganz hohen Tier, und bekommen (ungelogen!) einen Koffer voll Geld und einen Vertrag angeboten. Geschmückt wird das ganze durch schöne Versprechungen des Chefs. Die Wahrheit ist, das der Band jeglicher Speilraum entzogen wird und sie nichts Veröffentlichen kann, wenn das Label nicht zustimmt. Woher ich das weiß? Ich selbst arbeite bei einem Musikverlag und hab das schon öfter mitbekommen. Musikbuisness ist leider ein sehr dreckiges Geschäft.
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Tja , so ist das im Leben. Vor allem in der Musikbrange. Die Großen fressen die kleinen. Und das einzige was zählt ist Geld und nicht die Träume anderer.
Das Musikbusiness heutzutage ist leider nicht mehr das, was es mal war. Jeder ist der Beste, alle erzählen einem das Blaue vom Himmel. Und jeder will Ihn im Besitz haben: “DEN MASTERPLAN”
Im Moment ist die einzige Möglichkeit, mit Musik richtig Geld zu verdienen, die Schlager/Volksmusik – Schiene.
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Musik und Image sind das wichtigste. So sehe ich das auch. Ein Talent wird früher oder später entdenkt. Ist aber überall so. Beispiel:
Ein Bekannter von mir hat als Kind CDs von sich an verschiedene Fußballclubs verschickt. Mittlerweile spielt er in der 2ten italienischen Liga.
Das Problem ist, dass Major-Labels die Evolution der Musikbranche verpasst haben. Genau wie diejenigen, die immer noch einen Major-Deal haben wollen.
Damals waren die Kosten (Produktion, Promotion, Vertrieb etc.) enorm hoch, so dass keine Markteintritte von weiteren Konkurrenten möglich waren. Die wenigen Major-Labels, die es gab, hatten eine Art Monopolstellung und konnten daher die Preise und damit die Gewinnspannen recht hoch ansetzen. Allein aus Effizienzgründen haben diese Labels sich einige (relativ) wenige Bands ausgesucht, diese “groß gemacht” und dann als Cash-Cows über lange Zeit ausgeschlachtet. Major-Deals waren in dieser Zeit natürlich Gold wert, schließlich brachte man als Band dem Label auch die entsprechenden Einnahmen. Der Nachteil, den man heute schon vergessen hat, war folgender: Wer keinen Deal bekam, und das waren sehr, sehr viele, war ein Niemand und das lies sich durch nichts ändern.
Heute sind die Kosten für Produktion, Vertrieb und auch für das Marketing im Verhältnis zu damals Null. Im ersten Moment klatschten und freuten sich die Major-Labels natürlich, bis sie merkten, dass die Konkurrenz wuchs. Plotzlich konnten “Homeproduktionen” in die Charts gelangen. Und zu allem Überfluss stellte sich, nicht ganz unberechtigt, noch eine Musik-kostet-nichts-Mentalität ein. Nun standen sie da die Major-Labels, mit Heerscharen an Personal, großen Gebäuden, teuren Produktionsmittel und den bestehenden teuren Deals, die sie bis dahin abgeschlossen hatten. Auf der einen Seite also immense Ausgaben und auf der anderen Seite rapide sinkende Einnahmen. Leider war das einzige was ihnen jetzt einfiel “Raubkpierer”zu jagen, bis auf die großen Bands alle Plattenverträge zu kündigen und neue Künstler, wie oben beschrieben, als Wegwerfprodukte zu behandeln (min in, max out).
Die Konditionen von Major-Deals hängen somit maßgeblich von der Situation der Musikbranche und nicht von dem Verhalten der Major-Labels ab. Wer einem Major-Deal hinterherläuft hat das System nicht begriffen und sollte die Schuld für Enttäuschungen bei sich und nicht bei irgendwelchen Labels suchen.
Als Teil der “alten Schule” trauere ich nicht diesem alten System hinterher. Wer dies tut hat noch nicht versucht ignoranten A&R-Managern seine Musik näher zu bringen. Lieber habe ich aus eigener Kraft durch Myspace und Co. eine Hand voll echter Fans, als dass ich mein ganzes Leben vergeblich um einen Major-Deal betteln muss. (kein Wunder, dass man an Bodenhaftung verliert, wenn es dann mal klappt)
So ein Major-Deal macht ganz schön abhängig. Da muss man sich als Musiker(in) wirklch vorher überlegen, ob man sich die eigene künstlerische Freiheit bewahren will oder womöglich Gefahr läuft, danach zu einer Marionette des Labels zu werden. In der heutigen Zeit spielt aufgrund rückläufiger Erlöse im Musikbusiness (durch mp3s, Videoportale etc.) der Profit bei der Vermarktung eines Künstlers eine immer grössere Rolle. Hier muss man wirklich sicherstellen, dass man nicht die eigene Seele verkauft, wenn man sich auf einen Major-Deal einläßt…