Veröffentlicht am 5.Januar 2009
Ich blicke nicht oft in die Vergangenheit. Irgendwie interessiert sie mich nicht. Zumindest nicht mehr, als die Gegenwart und die Zukunft. Dabei begegne ich ständig Elementen aus der Vergangenheit. Den Mantel, den ich trage, habe ich in der Vergangenheit gekauft, die Wohnung, in der ich wohne, habe ich in der Vergangenheit gemietet, die Bücher in meinem Bücherregal in der Vergangenheit gelesen.
Manchmal verknüpfe ich eine bestimmte Erinnerung oder ein bestimmtes Gefühl mit einem Gegenstand, das natürlich auch aus der Vergangenheit stammt. Oder mit einem Song oder einem Film. Aber wie war das noch mal, als es so war? An welchem Punkt war ich damals nochmal?
Weil ich nie ein klassisches Tagebuch geschrieben habe à la „heute hab ich dies gemacht, mich über jenes geärgert und das eine war besonders lustig“, bleiben mir für Alltagsdinge und –gefühle wenig Erinnerungen. Sicherlich gibt es Geburtstagskarten, die man bekommen hat, Fotos, die man geschossen hat, aber das ist so selektiv, dass es schwer ist, sich ein größeres Bild zu machen.
Am intensivsten komme ich mit meiner Vergangenheit in Berührung, wenn ich mir ansehe, was ich kreiert habe. Und mit „kreiert“ meine ich Dinge, die ich wirklich produziert habe: Eine Song, einen Track, ein Gedicht, eine Geschichte, eine Zeichnung, einen Artikel.
Oft weiß ich nicht genau, wann ein Werk entstanden ist, aber ich kann es trotzdem irgendwie einordnen. Anhand anderer Werke, anhand des Themas oder weil mir sonst irgendetwas dazu einfällt.
Wenn ich mir ansehe, was ich in den letzten Jahren geschrieben, komponiert und sonst noch geschaffen habe, fallen mir viel mehr Dinge auf, als mir aufgefallen sind, kurz nachdem ich sie geschaffen hatte.
Handwerk
Auf der einen Ebene sind das rein handwerkliche Dinge. Ich stoße mich an Formulierungen, Reimen, Rhythmen, Arrangements, dir mir vorher nicht besonders aufgefallen sind. Das liegt einfach daran, dass ich es jetzt „besser“ weiß und etwas heute so nicht mehr tun würde. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich etwas so heute nicht mehr tun würde, versuche ich mich nicht davon zu distanzieren, sondern vielmehr, mein jüngeres Ich zu verstehen.
Teilweise finde ich aber auch Teile, die ich auch heute nicht perfektionieren könnte oder die mich erstaunen. Das sind gewöhnlich auch die Teile, an deren Entstehungsprozess ich mich nicht mehr genau erinnern kann oder ich ihn zumindest nicht mehr nachvollziehen kann. Wie sind diese Worte, diese Melodien entstanden? Ich weiß es nicht.
Themen
Was mir ebenfalls immer erst im Nachhinein auffällt, ist, wie sich bestimmte Themen durch meine Werke ziehen.
Oft gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Inhalt eines Werkes und meinem Leben. Vieles ist fiktional und experimentell. Wenn ich eine Szene beschreibe, in der das lyrische Ich jemanden umbringt, heißt das nicht, dass ich jemand umgebracht habe oder das auch nur erwäge.
Was interessant ist, sind die einzelnen Themen, die meinen Werken zugrunde liegen. Zum Beispiel habe ich eine ganze Menge Texte mit dem Thema „Orientierungslosigkeit“ geschrieben, obwohl ich mich nie bewusst damit befasst habe. Andere Themen sind etwa „Zurückweisung“, „Macht“ und „Abhängigkeit“. Mit manchen Themen befasse ich mich nur während eines gewissen Zeitraums, während ich andere anscheinend immer noch verarbeite.
Ich denke, dass ich einige Themen, mit denen ich mich befasse, einfach näher erkunden möchte. Ich möchte sie von allen Seiten sehen, spüren, mit ihnen experimentieren. Andererseits gibt es auch Themen, bei denen ich vor allem einen hohen Mitteilungsbedarf verspüre. Das sind eventuell Themen, denen ich öfter begegne (vielleicht täglich), und die mich bewegen. Oft kann ich aber nicht genau sagen, warum sie mich so bewegen. Ich suche mir nie ein Thema aus, bevor ich schreibe, das Thema ergibt sich dadurch, dass ich schreibe.
Beim NaNoWriMo schrieb ich gleich in den ersten Tagen ganz intuitiv eine Traumszene, deren Inhalt nicht mit der Rest der Geschichte verknüpft werden sollte (Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt auch nur die Hälfte der Geschichte). Später stellte sich raus, dass das Thema des Traums auf abstrakter Ebene dem Inhalt des gesamten Romans sehr ähnlich war.
Meine Themenwahl sagt nicht direkt etwas aus über die Vergangenheit, aber ich kann sehen, mit welchen Themen ich mich beschäftigt habe oder welche Motive mich besonders fasziniert haben. Daran sind wieder Erinnerungen verknüpft oder Stimmungen, die ich mit meinem damaligen Lebensgefühl in Verbindung bringen kann.
Mein Dichterblock
Ich sehe mir aber nicht nur vollendete Werke an. Auch Ideen oder Werke, die nicht über den Entstehungsprozess hinausgekommen sind, sind immer einen Blick wert. In einem A5 Block habe ich regelmäßig Gedanken und Ideen gesammelt und sie teilweise ausgeführt. Weil dort sehr vieles steht, dass damals nur kurz Beachtung geschenkt bekam, ist es umso interessanter, darin zu blättern. Ich bin dann oft erstaunt, was ich alles geschrieben habe. Viele Dinge kommen mir so vor, als wären sie nie meinem Gehirn entsprungen, an manchen Stellen kann ich mich dafür noch genau an die Szene erinnern, in der ich sie geschrieben habe oder an den gedanklichen Zusammenhang. Es liest sich dann fast wie ein Tagebuch, nur auf einer viel innigeren Ebene.
Ideen sind meistens zeitlos, schon deswegen lohnt es sich, in älteren Kreationen herumzukramen: Vielleicht könnte man einen Song von damals heute viel besser schreiben? Vielleicht gibt es Themen und Inhalte, deren man sich nie geschafft hat, anzunehmen, obwohl man es immer wollte? Vielleicht gibt es einen Textteil, den man für sein neuestes Werk genau übernehmen könnte?
Wenn man schon so eine Menge Material gesammelt hat, wäre es ziemlich uneffektiv, sich davon nicht inspirieren zu lassen.
Da ich erst vor etwa fünf Jahren mit dem Songschreiben und Dichten begonnen habe, wird es sicher interessant werden, wie sich das alles weiterentwickelt und wie ich in vielleicht 10 oder 20 Jahren meine Texte von damals sehe oder meine Texte von heute. Oder diesen Artikel.
Diese Posts könnten dich interessieren:
- Brauchst du Drama für deine Kunst? Veröffentlicht am 21.Februar 2009 Wenn du dir die Biografien großer...
- Kunst und Kommerz Veröffentlicht am 2.Januar 2009 Die Diskussion um Kunst und Kommerz...
- Blogparade: Kann Kunst die Welt verändern? Veröffentlicht am 4.Februar 2009 Alicehive.de veranstaltet erstmals eine Blogparade, und...











