Nach dem Lesen meines NaNoWriMo-Romans

Ja, ich hab es getan! Ich habe meinen eigenen Roman gelesen, den ich vor neun Monaten während des NaNoWriMo geschrieben habe.
Anfangs hatte ich mir vorgenommen, ihn erst mal nicht zu lesen, um etwas Abstand zu gewinnen.
So verharrte meine etwas über 400KB große Worddatei neun Monate in der virtuellen Schublade – bis ich mir schließlich doch die Zeit nahm.

Was ich nun über einzelne Aspekte meines Romans herausgefunden habe:

Plot

Für das erste Drittel des Romans hatte ich den Plot bereits vorher entworfen. Und weitestgehend hielt ich mich auch beim Schreiben daran. Den Rest des Romans schrieb ich ins Blaue hinein. Ich wusste zwar in etwa, in welches Szenario meine Figuren geraten sollten, allerdings wusste ich weder Details, noch wie der Roman enden sollte. Ich ließ mich einfach von meiner Hauptperson Erin führen.
Und was muss ich feststellen? Der Teil, der nicht konzipiert war, gefällt mir vom Plot viel besser, als der Teil, bei dem ich mich an den Entwurf gehalten hatte.
Das kann natürlich auch etwas daran liegen, dass der erste Teil an die Geschichte hinführt und der Rest des Buches die Geschichte ausführt, was bewirkt, dass es im zweiten Teil einfach viel mehr abgeht.
Aber die Geschichte fühlt sich im unkonzipierten Teil auch viel flüssiger an. Eine ganze Menge interessanter Szenen sind entstanden, die die Geschichte komplex und rund erscheinen lassen, gerade weil sie sehr „organisch“ sind.
Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass der Plot zu lang ist für 50000 Wörter. Der Roman hätte sich viel besser in 100000 Wörtern entfalten können. Mit 100000 Wörtern hätte auch eine Menge mehr an Komplexität, Schwere und Tiefe im Roman Platz gehabt.

Charaktere

Bei Charakteren definiere ich mir zwei, drei Haupteigenschaften im Kopf, bevor ich sie in die Geschichte bringe. Ich definiere das ganze nicht wörtlich, sondern versuche mir, einen Typ Menschen vorzustellen. Bei den meisten meiner NaNoWriMo-Figuren hatte ich Filmcharaktere im Kopf. Schon die Charakternamen sind größtenteils von Schauspielern geklaut (Keanu – Keanu Reeves, Zoey – Zoey Deschanel, Johnny – Johnny Depp). Nicht zu vergessen, die realen Personen, bei denen ich mich bedient habe: Erin, die Hauptperson, trägt ihren Namen dank Erin Pavlina (und ihr Mann Steve Pavlina hat auch seinen Platz bekommen).
Diese billige Art, Charaktere zu kreieren, entstand natürlich aus Zeitmangel während des NaNoWriMo. Allerdings muss ich zugeben, dass sie ganz gut funktioniert hat.
Allen Charakteren, die einen größeren Platz im Roman einnehmen, habe ich ihre Individualität beim Lesen angemerkt. Dabei sind interessante Szenen entstanden, in denen sich jeder Charakter auf seine besondere Art und Weise ausleben kann.
Hier habe ich gemerkt, wie sehr der Rat von Chris Baty zutrifft: Man braucht keinen starken Plot, sondern nur starke Charaktere. Denn die Charaktere sind es, die den Plot machen.
Gerade, als ich einfach drauflos geschrieben habe und keinem Plotentwurf mehr gefolgt bin, konnten sich die Figuren viel freier entfalten und haben es auch gemacht. Die Geschichte wird lebendig, wenn die Charaktere beginnen, zu leben.
Aufgefallen ist mir, dass ich wirklich begonnen habe, an den Charakteren zu hängen. Besonders gesehen habe ich das, als eine der Personen am Ende stirbt: Ich hatte das völlig vergessen (!!!) und jetzt traf es mich umso mehr.
Den Rest des Buches las ich tatsächlich mit diesem Gefühl von Trauer um diese Person.

Stil

Ich schreibe ja eigentlich keine Prosa. Höchstens mal einen Kurzgeschichtenversuch alle paar Monate (obwohl ich keine Kurzgeschichten mag). Deswegen müsste mein Stil eigentlich eingerostet und holprig sein.
Nach dem Lesen meines Romans bin ich aber wirklich zufrieden. Einige Stellen haben mich sogar sehr positiv überrascht. Gerade beim NaNoWriMo ist es klar, dass stilistische Details manchmal untergehen, weil man viel zu sehr damit beschäftigt ist, weiterzuschreiben, als sich um den letzten Satz Gedanken zu machen (man kann es natürlich auch anders machen, aber dann wird es unwahrscheinlich den NaNoWriMo zu gewinnen).

Insgesamt

Ich fand es sehr amüsant, meinen Roman zu lesen, wobei ich mich weniger über den Roman als über mich amüsiert habe. Darüber, warum ich manche Dinge geschrieben habe und wie ich es gemacht habe. Auch einige der aufgegriffenen Themen und ein paar Details ließen mich schmunzeln. Ich wette auch Herr Freud hätte seinen Spaß gehabt.

Und jetzt?

Nachdem ich so positiv überrascht von meinem Roman bin und denke, dass er echtes Potential hat, habe ich beschlossen, dass ich auf jeden Fall an ihm weiterarbeiten möchte. Neben der Ausbesserung kleinerer Fehler und dem Umschreiben einiger Kapitel, muss sich die Wortanzahl auf jeden Fall noch erhöhen. 70000 Worte wären vermutlich ein guter Anfang. 100000 Worte wären spitze. Ich werde mich aber beim Umschreiben natürlich nicht an der Wortanzahl orientieren, sondern an der Story und den Charakteren. Vielen Charakteren hat bisher die Chance gefehlt, sich richtig zu entfalten. Das möchte ich auf jeden Fall noch nachholen, und somit meinen Roman noch dichter und tiefgründiger machen.
Da die Fertigstellung eines Prosawerks aber im Moment nicht meine Hauptpriorität ist, wird das Ganze wohl noch einige Zeit dauern. Währenddessen werde ich diesen November wieder am NaNoWriMo teilnehmen und hoffentlich all das umsetzen, was ich letztes Jahr gelernt habe. Damit ich meinen ersten Roman noch übertreffe.

Veröffentlicht am 24.August 2009

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6 Responses to Nach dem Lesen meines NaNoWriMo-Romans

  1. Tobi says:

    Ich möchte in gerne einmal lesen deinen Roman, er ist sicherlich gut! :)

  2. ALICE says:

    @Tobi: Wenn du möchtest, kannst du gerne mein Testleser sein, wenn ich ihn überarbeitet habe!

  3. Tobi says:

    Gerne! :) Ich freue mich jetzt schon.

  4. @Tobi: genau die gleiche Idee hatte ich auch :D

    @Alice: Ich find das spannend wie du deinen eigenen Roman aufgefasst hast und musste wirklich schmunzeln als du sogar den Tod eines Charakters vergessen hast. Ich fänd es selber total interessant meinen eigenen Roman nach so einer langen Zeit zu lesen und würde sehr gerne im November (?) wieder am NaNoWriMo teilnehmen. Ich muss mir dafür schon mal Platz im Projekt Kalender festigen!

    und wenn du ernsthaft Probeexemplare austeilst, bin ich natürlich auch mit dabei! :)

  5. ALICE says:

    @Michael: Jap, der findet im kalten, grauen November statt, wo man kein anderes Bedürfnis hat, als sich das Leid aus seinen frierenden Hangelenken herauszuschreiben.
    Das Projekt ist noch nicht mal soooo zeitaufwänig. Zwei Stunden am Tag haben bei mir genügt.
    Klar verteil ich Probeexemplare – wird allerdings noch einige Zeit dauern, bis ich soweit bin!

  6. Pingback: » Archiv

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