Prinzipien und Gedankenmodelle

Wenn du mich vor anderthalb Jahren gefragt hättest, was Glück ist, hätte ich dir wahrscheinlich eine sehr ambivalente Antwort gegeben. Einerseits das, andererseits das, kommt drauf an, welches Glück gemeint ist, blablabla. Kurzerhand: Strukturloses Gelaber. Nicht, dass ich mich nicht oft genug damit befasst hatte, ich hatte nur noch keine Ordnung für meine Gedanken gefunden.

Wir haben oft so viele Gedanken in wenigen Minuten, dass wir sie nicht mitzählen könnten, wenn wir es wollten. Dazu kommt, dass wir uns um zahlreiche Themen gleichzeitig Gedanken machen. Während dich der eine Gedanke daran erinnert, noch einkaufen zu gehen, bevor die Geschäfte schließen, kommentieren andere deiner Gedanken eine eMail, die du gerade liest.

Aus diesen unglaublich zahlreichen Gedanken, die wir im Laufe der Zeit sammeln, entstehen gewisse Themenkomplexe und Probleme in unserem Kopf, über die wir uns dann konzentriert Gedanken machen. Beispielsweise: „Was soll ich wegen Thema A unternehmen?” oder „Wie soll man Thema A und Thema B miteinander vereinbaren können?“

Manche Probleme können wir gleich lösen, manche Themen schwirren uns noch ewig im Kopf herum, manche vergessen wir wieder. Egal was zunächst mit den Problemstellungen in unserem Kopf geschieht, wenn wir sie behandelt haben oder auch nicht, werden sie letztlich unsystematisch in deinem Unterbewusstsein gespeichert.
Vielleicht systematisch genug für dein Unterbewusstsein, aber da dein Bewusstsein nicht alle Verbindungen deines Unterbewusstseins nachvollziehen kann, kann das Bewusstsein diese Systematik oft nicht herstellen.

Es ist schade, wenn wir unsere neuen Erkenntnisse so wegwerfen, nur weil wir noch keinen Platz dafür gefunden haben. Viel schlauer wäre es, den neuen Erkenntnissen einen Platz zu verschaffen, der dir etwas bringt.

Etwas anschaulicher ist es, wenn du dir die Problemstellungen, Themen, Erkenntnisse und Gedanken allgemein als einzelne Post-Its oder lose Zettel vorstellst. Dein Kopf ist der Schreibtisch, und dein Bewusstsein ist die Person, die vor dem Schreibtisch sitzt.
Wenn du kein Gedankenmodell hast, also keine Ordnung, liegen alle Zettel auf einem großen Haufen herum. Es ist nicht möglich, sich auf dem Tisch zurecht zu finden. Wenn du auf eine Erkenntnis zugreifen möchtest, musst du erst durch tausend andere durch.
Mit einem Gedankenmodell hingegen hat alles seine Ordnung. Deine Zettel sind in Ordner sortiert, liegen in den richtigen Ablagen und in übersichtlichen Verzeichnissen in deinem Computer. Du weißt, wohin du greifen musst, wenn du etwas bestimmtes suchst. Du hast deine Zettel/Daten (Erkentnisse und Gedanken) immer parat und weißt, was zusammengehört.

Anstatt „Gedankenmodell“ könnte ich auch „Weltanschauung“ oder „Philosophie“ sagen, aber ich finde das Wort „Gedankenmodell“ anschaulicher: Es geht darum eine modellhafte Ordnung zwischen den Gedanken herzustellen, die einem dabei helfen soll, mit den Gedanken umzugehen.

Seit ich angefangen hab, mir wegen irgendwelchen Dingen den Kopf zu zerbrechen, war ich immer auf der Suche nach einem Modell, in dem ich alle Gedanken sinnvoll unterbringen konnte. Das war mir damals nicht so bewusst, aber im Nachhinein ist es mir völlig klar.

Erst letztes Jahr habe ich passende Modelle gefunden, die mich zufriedenstellen. Während ich mich intensiv mit persönlicher Entwicklung beschäftigt habe, sind mir einige interessante Modelle begegnet.

Gedankenmodelle beruhen immer auf Prinzipien oder Regeln, von denen alles ausgeht. Je universeller und einfacher diese Prinzipien sind, desto leichter kann man mit dem Modell umgehen. Prinzipien sind wie große Stützpfeiler für das Gedankenmodell. Auf ihnen baut alles auf, sie machen die Konstruktion übersichtlich und sorgen für die Stabilität.

Personal Development For Smart People

Zur Veranschaulichung möchte ich das Modell von Steve Pavlina vorstellen. Steves Buch „Personal Development For Smart People“ beschäftigt sich mit einem Modell für persönliche Entwicklung. Die drei Prinzipien, auf denen sein Modell aufbaut sind Liebe (love), Wahrheit (truth) und Kraft (power).

Diese Prinzipien lassen sich miteinander beliebig zu neuen Prinzipien kombinieren:

love + power = courage (Mut)
love + truth = oneness (Einheit)
power + truth = authority (Autorität)
love + power + truth = intelligence (Intelligenz)

Die Prinzipien lassen sich folgendermaßen anwenden: Je mehr du dich selbst mit den Prinzipien in Verbindung bringst, desto größere Entwicklungschancen hast du. Jedes Problem, dass du hast, ist auf eine mangelhafte Verbindung mit einem dieser Prinzipien zurückzuführen. Die Lösung liegt also immer darin, mit den drei Prinzipien in Einklang zu leben.

Beispiele:

Du leidest in einem Beruf, den du nicht ausstehen kannst?
Problem: Keine Verbindung mit dem Prinzip „Liebe“

Du schaffst es nicht, dich aufzuraffen, joggen zu gehen, obwohl du dir es jeden Tag vornimmst?
Problem: Keine Verbindung mit dem Prinzip „Kraft“

Die Prognosen, die du triffst, treffen nie zu oder sind sehr ungenau?
Problem: Keine Verbindung mit dem Prinzip „Wahrheit“

Auf diese Weise lassen sich alle Probleme bestimmten Prinzipien zuordnen. Indem du dir über das Prinzip bewusst bist, kannst du nun nicht nur sofort feststellen, was das eigentliche vereinfachte Problem ist, sondern kannst auch gezielt etwas dagegen unternehmen. Das Modell erleichtert es dir nicht nur, deine Gedanken zu ordnen, sondern auch, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

The Power Of Now

Ein weiteres Modell kommt von Eckhardt Tolle, der unter anderem die Bücher „A New Earth“ sowie „The Power Of Now“ geschrieben hat, das ich bereits in meinem Blog vorgestellt habe.

Das Modell von Eckhardt Tolle ist sogar noch einfacher als das von Steve Pavlina, denn es besteht nur aus einem einzigen Prinzip: Es geht darum, bewusst im Moment zu leben.

Da alles, was es gibt, dieser Moment ist, ist die Erfüllung/Erleuchtung bereits erreicht. Du muss dir darüber nur bewusst werden. Das tust, in dem du deinen Fokus komplett auf den Moment richtest. Alle Probleme entspringen nur daher, dass du nicht auf den Moment fokussiert bist.

Dieses Modell kannst du ebenfalls in jeder Situation zu jeder Zeit anwenden. Es ist universal wie das Modell von Steve.

Ordnung

Wenn du nach einem passenden Gedankenmodell Ausschau hältst oder dir selbst eines konstruieren möchtest, bau zuerst deine Stützpfeiler auf: die Prinzipien. Je größer, simpler und universeller die Prinzipien sind, desto weniger wirst du Probleme damit haben, Probleme und Gedanken anzuordnen.

Wenn du deine Prinzipien gefunden hast, versuche sie auf alle möglichen Gedanken und Probleme anzuwenden. Nur so kannst du wissen, ob dein neues Modell auch wirklich alltagstauglich ist.

Manche Philosophen haben die Neigung bestimmte Themenkomplexe innerhalb ihrer Modelle unnötig aufzublasen. Sie befassen sich eher mit einzelnen Themen als mit dem großen Ganzen. Wenn du ein Modell allerdings nicht in wenigen Sätzen erklären und verstehen kannst, ist es vermutlich zu kompliziert, um alltagstauglich zu sein.

Mit einem neuen Modell hat dein Wissen einen Ort, an dem es sich ablegen kann. Das kann zunächst einmal verwirrend sein: Die Menge an Wissen, die dir plötzlich zur Verfügung steht, wird eventuell neue Fragen in dir aufwerfen. Diese zu beantworten und einzuordnen, kann erst mal kompliziert sein – letztlich hilft dir aber genau dabei dein Modell. Je mehr du weißt, desto mehr Fragen wirst du haben, desto mehr Antworten wirst du finden.

Wenn du ein Modell gefunden hast und es eine Zeit lang ausprobiert hast, wirst du bald feststellen können, ob es dir hilft oder nicht. Ein Modell, dass dir nicht hilft und sei es noch so intelligent und interessant, ist nutzlos. Wende lieber die Zeit auf und suche etwas hilfreiches, als an einem Modell festzuhalten, dass dir nichts bringt.

Viele Leute leben ihr Leben lang nach Prinzipien, die ihnen und dem Rest der Welt nichts bringen, manchmal sogar destruktiv sind. Oft sind es Leute, die ein Modell einmal angenommen haben und sich danach kaum noch Gedanken darum gemacht haben. Wenn du dir dein Modell nicht bewusst herausgesucht hast, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass deine Prinzipien kontraproduktiv auf dich wirken.

Modelle kombinieren

Viele Leute glauben, dass man bestimmte Glaubensrichtungen nicht miteinander kombinieren kann. Demnach könnte man nicht Christ und Buddhist gleichzeitig sind. Aber das ist Blödsinn. Eine Religion oder eine Philosophie ist nur eine Perspektive, durch die du die Welt siehst. Du hast jederzeit die Möglichkeit, zwischen Perspektiven hin und herzuwechseln, gerade so, wie es dir am meisten bringt.

Genauso ist das bei allen Gedankenmodellen. Ein Modell ist nur eine Sichtweise. Indem du deine Sicht änderst, kannst du Dinge sehen, die du sonst vielleicht nicht gesehen hättest. Wenn du jemandem im Profil siehst und dann aus der Vogelperspektive, ist weder die eine oder die andere Perspektive „wahrer“ oder besser. Dasselbe gilt beim Modell.

Viele Modelle erfüllen den Anspruch auf Universalität nicht oder haben einfach einen spezielleren Fokus. In diesem Fall ist es sinnvoll, wenn du nach weiteren Modellen suchst. Aber auch so kann es praktisch sein, mehrere Modelle zu besitzen. So bist du nicht nur auf eine Perspektive beschränkt und hast daher auch mehr Möglichkeiten.

Beispielsweise kannst du die Modelle von Steve Pavlina und Eckhardt Tolle ohne Probleme kombinieren. Jeden Moment bewusst zu erleben, lässt sich damit verbinden, mit den Prinzipien Liebe, Wahrheit und Kraft im Einklang zu sein.

Je mehr Modelle du hast, desto mehr Antworten hast du auch auf deine Fragen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Antworten objektiv richtig sind, sondern ob sie dir helfen. Wenn du mir vor anderthalb Jahren ein Frage aus dem Gebiet „persönliche Entwicklung/Problemlösungen“ gestellt hättest, hätte ich wahrscheinlich eine ganze Weile gebraucht, um nur eine Antwort zu finden. Mittlerweile hätte ich sofort mindestens drei Antworten parat.

Inspiration

So viele Antworten, Verbindungen und Perspektiven können ziemlich inspirierend wirken. Wenn du standhafte Modelle für dich gefunden hast, kannst du beginnen, damit zu spielen. Versuche ein Modell mit dem anderen zu verknüpfen, finde neue Orte für deine Gedanken, verknüpfe deine Gedanken untereinander. Irgendwann kommst du an einem Punkt an, an dem dir die Ideen und Inspirationen förmlich zufliegen.
In meiner Artikelliste für diesen Blog befinden sich über 80 Ideen – das würde fast für die nächsten sechs Monate reichen, wenn ich bis dahin keine neuen Einfälle mehr hätte.

Praxis

Bei aller Theorie, vergiss nie die praktische Seite. Die Modelle von Steve Pavlina und Eckhardt Tolle funktionieren deswegen so gut, weil man die Erkentnisse, die man aus ihnen gewinnt, direkt anwenden kann. Auch hier gilt: Wenn dir ein Modell nicht spürbar hilft, ist es nutzlos.

Modelle finden

Um ein passendes Modell für dich zu finden, wirst du dir wahrscheinlich einige davon ansehen müssen. Hier drei Orte an denen du nach Modellen suchen kannst.

1.Literatur über Persönliche Entwicklung
Hat den Vorteil, dass sie einfach zu lesen und zu verstehen ist.

2.Philosophen
Oft kompliziert und schwierig verstehen. Besorg dir schon mal ein Fremdwörterbuch. ;) Dafür gibt es eine hohe Anzahl an Philosophen aus den verschiedensten Epochen mit den verschiedensten Perspektiven.

3.Religionen
Ohne Zweifel sehr beliebt. Hier braucht man aber oft Hintergrundwissen, um hinter die Worte in den Schriften zu blicken und die wahre Bedeutung zu erkennen.

4.Dein Kopf
Letztlich kannst du dir natürlich auch selbst ein Modell ausdenken. Das Problem dabei ist, dass es ziemlich lange dauern kann. Außerdem wird sich dein Gedankenmodell wohl nicht komplett von den anderen Modellen unterscheiden – also sieh dir anfangs lieber die Modelle anderer an.

Deine neue Ordnung wird nicht nur dafür sorgen, dass du dich besser mit deinen Gedanken zurecht findest, sondern auch dafür, dass dein Kopf allgemein leerer und ruhiger wird. Allein deswegen kann sich so ein Modell schon lohnen.

Veröffentlicht am 9.April 2009

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3 Responses to Prinzipien und Gedankenmodelle

  1. Hartmut says:

    Wie immer guter Artikel und gute Anregungen. Was natürlich gemeinerweise offen geblieben ist, wie Du nun die einleitende Frage nach dem Glück unter Anwendung der Gedankenmodelle beantwortest. Wäre denn jetzt eine struktuiertere Antwort von Dir zu erwarten?

    Ich selbst bin derzeit auch in einer eher unorganisierten Phase. Zuviele Gedanken in meinem Kopf. Meine eigenen Themen zu meiner Serie “Bloggen”, Deine tollen Artikel und die bei der Julia im Blog, dazu noch der Alltag, mein Umzug, meine Diät. Alles verwirrt(e) und durchschüttelt(e) mich.

    Wenn ich solche Phasen habe, merke ich, dass es mir am Meisten hilft, einfach zu schlafen. Ich vertraue mich da vollkommen meinem Unterbewusstsein, meiner inneren Ablage, der zentralen Aktenhaltung an.Ich merke auch, dass ich ein größeres Schlafbedürfnis habe, merke, wie in meinem Kopf auf Hochtouren gearbeitet wird und ich weiß, dass nach erfolgten Sortierarbeiten auch ein gut sortierter Output erfolgt. Ich vertraue mich da auch in spiritueller Hinsicht ganz einer Verbindung zu einer höheren Institution (z.B. Akasha) an. Irgendwann platzt dann der gordische Knoten und alles löst sich von selbst.

    Natürlich kann man nicht jedes akute Problem oder jeden wilden Gedanken einfach wegpennen. Beschäftigt mich eine Situation etwas länger und intensiver versuche ich mir sehr oft einen Blick über die Gesamtsituation zu verschaffen. Ich fahre dabei förmlich aus der Haut. Rein virtuell, betrachte ich mir das ganze von oben. Das kann ich mittlerweile recht gut und löst viele unorganisierte Gedanken recht schnell wieder auf. Zur Streitdeeskalation ist diese Maßnahme mittlerweile unabdingbar geworden.

    Ein letztes probates Mittel der Gedankenorganisation ist die Entwicklung der Empathie. Ich stelle mir jemand Anderen vor. Frage mich, was der oder die zu der Frage sagen würde. Nahestehende Personen kann ich mir immer recht schnell visualisieren, sie sind dann vor meinem geistigen Auge und ich kann mich durch eine imaginäre Kraft schnell mit ihnen verbinden und ihnen gezielte Fragen stellen.

    So, das ist hier mein kleiner unorganisierter Beitrag zur Gedankenorganisation :-)

    Liebe Grüße
    Hartmut

  2. ALICE says:

    @Hartmut: Schön, dass du Wege gefunden hast, die dir den Umgang mit deinen Gedanken erleichtern.
    Interessant ist auch deine Empathie-Methode. Die nutze ich ebenfalls. Das hilft mir nicht nur, meine Gedanken besser zu ordnen, sondern macht auch noch Spaß.

    Über Glück werde ich vielleicht mal einen extra Artikel schreiben. Zum einen hätte dieses Thema den Rahmen des Artikels gesprengt, zum anderen hat das Thema Glück einen eigenen Artikel verdient.

  3. Pingback: » Archiv

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