Warum Neujahrsvorsätze nie funktionieren

Veröffentlicht am 29.Dezember 2008

Während es Leute gibt, die ihre Vorhaben immer noch extrem unprofessionell angehen, machen sich die Zyniker, die sowieso keine Vorsätze haben, darüber lustig. Und das jedes Jahr erneut. Es wird also längst einmal Zeit für einen Artikel, der das Thema Neujahrvorsätze produktiv behandelt.
Wenn du etwas wieder und wieder versuchst und immer wieder scheiterst, machst du vermutlich etwas falsch. Das ist das typische Muster des Neujahrsvorsatzes: Jedes Jahr werden neue Vorsätze gemacht (oder die Vorsätze vom alten Jahr aufgewärmt) und jedes Jahr werden sie nicht eingehalten. Es läuft also irgendetwas schief.

Verteufelung von Vorsätzen

Es wäre nun ein Fehler, das Problem in der Sache selbst zu suchen. „Vorsätze“ sind nicht grundsätzlich so geschaffen, dass man sie nicht einhält und der Jahreswechsel an sich ist auch kein Problem. Das Problem des Neujahresvorsatzes ist ein Problem, dass bei vielen Vorsätzen auftritt, sich bei Neujahresvorsätzen allerdings schon deswegen häuft, weil sich die Vorsätze häufen.

„Ich nehme mir nichts vor, weil ja das Meiste doch nicht erreicht wird.
Willkommen im langweiligsten Leben der Welt!
Statt Vorsätze und damit die Möglichkeit, sein Leben zu verändern, komplett abzuschreiben, bietet es sich eher an, einmal zu untersuchen, warum sich viele Leute so schwer tun, sich an sie zu halten. Grob gesagt, gibt es drei Phasen, die ein Vorsatz überstehen muss, damit er als erfolgreich abgehakt werden kann.

Phase 1: Vorbereitung

Als Vorbereitung zählen alle Arten von Tätigkeiten, die darauf ausgerichtet sind, deinen Vorsatz überhaupt zu ermöglichen. Dazu gehört manchmal eine umfassende Recherche (z.B. wenn du deine Essgewohnheiten ändern möchtest), manchmal musst du erst gewisse Dinge beschaffen oder organisieren (wenn du lernen möchtest, professionell zu zeichnen, brauchst du bestimmte Zeichenmaterialien) und manchmal musst du schon vorher gewisse Gewohnheiten ändern (wenn du deinen Schlafrhythmus verändern willst, gibst du vorher am besten Koffein für eine Weile auf).
Wenn du dich vorbereitet hast, darf dir nichts mehr fehlen, was für den Erfolg notwendig ist.

Phase 2: Planung

Wenn du nun bescheid weißt und startklar bist, kannst du den Erfolg deines Vorsatzes planen. Dazu musst du verstehen, wie Pläne funktionieren.

Positiv

Dein Plan muss positiv sein. „Weniger fernsehen“ ist nicht positiv. Dein Gehirn weiß nicht, was es mit der Information „weniger fernsehen“ anfangen soll. Was soll nicht-fernsehen sein? Anstatt zu planen, was du nicht tun willst, musst du planen, was du tun willst. Zum Beispiel „mehr lesen“ oder „lesen statt fernsehen.“

Konkret

Wenn du weißt, was du tun willst, kannst du es konkret in deinem Plan festhalten. Zum Beispiel „jeden Tag eine Stunde lesen“ oder „10 Seiten pro Tag“. Du kannst das ganze natürlich auch mit einer Uhrzeit oder anderen Tätigkeiten verknüpfen, z.B. als Pendler: „im Zug lesen“.

Schaffbar

Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass man sich nur etwas ernsthaft vornimmt, was man auch schaffen kann. „Herkulesvorhaben“, also Vorhaben, die nur ein Halbgott schaffen könnte, sind aber so verbreitet, dass ich diesen Punkt erwähnen muss.
Dabei ist es ein Unterschied, ob ein Vorsatz wirklich unschaffbar ist oder nur psychologisch unschaffbar. Wirklich unschaffbar ist eine Aufgabe, wenn derjenige, der sich ihr annimmt, einfach nicht gewachsen ist. Etwa, wenn du als 50-Jahre alter, untrainierter Laufanfänger von heute auf morgen einen Marathon laufen möchtest.
Unschaffbar wird es nicht nur ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad eines einzelnen Vorsatzes, sondern auch ab einer gewissen Anzahl von Vorsätzen. Generell gilt: Je weniger Vorsätze, desto besser kannst du dich darauf konzentrieren, sie zu erreichen.
Psychologisch unschaffbare Vorsätze sind Vorsätze, die eigentlich schon machbar sind, die aber aufgrund ihrer Formulierung größer erscheinen als sie sind und deswegen leichter zum aufgeben reizen.
Solche Vorsätze sind meistens pessimistisch oder unrealistisch formuliert. „Ich muss/sollte 10 kg abnehmen“, ist pessimistisch formuliert. Der Vorsatz hört sich so an, als wäre man zu etwas gezwungen. Und wer wird schon gerne zu etwas gezwungen? So ein Vorsatz ist leicht aufgegeben.
Unrealistisch ist eine „für immer“- oder eine „nie wieder“-Formulierung, z.B. „Ab morgen werde ich nie wieder rauchen“. Was sich erst gut anhört, kann sich bald als Problem herausstellen: Anstatt sich jeden Tag darauf zu konzentrieren, an diesem Tag nicht mehr rauchen, sieht man sich jeden Tag mit der Aufgabe konfrontiert, nie wieder zu rauchen. Und wenn man dann doch einmal der Versuchung nicht widerstehen kann, ist der komplette Vorsatz dahin.
Wenn ich mir letztes Jahr vorgenommen hätte, vom Fleischesser für immer auf vegetarische Kost umzusteigen, wäre Fleisch für mich wahrscheinlich noch eine Zeit lang Hauptmahlzeit gewesen. Stattdessen entschied ich mich dazu, mich nur für 30 Tage zu verpflichten, kein Fleisch mehr zu essen. Obwohl ich nach den 30 Tagen erstmal wieder begann, Fleisch zu essen, entschied ich mich wenig später wieder, auf Vegetarierkost umzusteigen, einfach, weil mir die Erfahrung gefallen hatte. Es viel mir nicht mal schwer, wieder auf vegetarische Kost umzustellen. Ich wusste, was mich erwartete und ich wusste, dass ich es konnte.

Definitiv

Generell gilt: Je entschiedener du bist, desto leichter wird es dir fallen, motiviert zu bleiben. Bevor du zu Phase 3 übergehst, solltest du dich noch mal versichern, dass du das, was du dir vorgenommen hast, auch wirklich willst. Eine Vor- und Nachteileliste kann dir deutlicher machen, was deine Entscheidung dir wirklich bringen wird. Außerdem kann sich diese Liste als nützliches Hilfsmittel für später erweisen, wenn du vielleicht in einer emotionalen Situation nicht mehr nachvollziehen kannst, warum du die Entscheidung getroffen hast.

Dich für etwas zu entscheiden, was du eigentlich nicht willst, wird dich nie zu einem Ergebnis führen, dass dich zufrieden stellt. Um herauszufinden, was du wirklich willst, musst du hemmungslos ehrlich zu dir selbst sein. Wenn deine Entscheidung „mehr Geld verdienen“ nur darauf aufbaut, dass du dich schlecht fühlst, weil du weniger Geld als deine Freunde hast, und nicht, weil dir selbst was daran liegen würde, ist das wahrscheinlich die falsche Entscheidung. Stattdessen könntest du dir vornehmen, ein besseres Selbstvertrauen zu entwickeln, um unabhängiger von der Meinung anderer zu sein.

Phase 3: Ausführung

Die letzte Phase ist die Phase der Ausführung, also der Zeitraum, in dem du dein eigentliches Vorhaben verwirklichst. Mit dem Wissen und den Vorbereitungen aus Phase 1 und dem Plan aus Phase 2, solltest du nun in der Lage sein, dein Vorhaben umzusetzen.

Priorität

Für mindestens vier Wochen sollte deine neue Gewohnheit oder dein Vorsatz Top-Priorität sein. Erinnere dich immer wieder an deinen Vorsatz. Idealerweise ist es eine der Sachen, an die du als erstes denkst, wenn du morgens aufwachst. Wenn du dich mit deinem Vorsatz in Phase 3 auch gedanklich öfter beschäftigst, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass du ihn auch tatsächlich einhalten wirst, als wenn du nur ab und an daran denkst.

Abhaken

Jedes Mal, wenn du dich an deinen Plan gehalten hast, mache dir deinen Erfolg deutlich: Ein Kreuz im Kalender, ein Haken in der ToDo-Liste kann dir zeigen, dass du auf einem guten Weg bist. Sehr gut eignet sich auch ein Tagebuch, um deinen Fortschritt festzuhalten.

Wenn es schwierig wird

Gib nie aus einer emotionalen Situation heraus auf. Mach keine Entscheidungen über deinen Vorsatz, wenn deine Gefühle dich überrollen. Verschieb die Entscheidung darüber, was du machen sollst auf mindestens einen Tag später. Nach einer Portion Schlaf sieht die Welt manchmal ganz anders aus.

Für den Fall, dass du dich einmal nicht an den Plan hältst, mach dies zum absoluten Ausnahmetag. Erkenne an, dass du es an diesem Tag nicht geschafft hast und nimm deinen ganzen Willen zusammen, um dir deine Entscheidung klar zu machen, dich an den Plan zu halten.

Aufgeben

Wenn du dich dazu entschließt, aufzugeben oder es einfach nicht klappen will, sei nicht zu hart zu dir. Gehe der Ursache nach, die dafür verantwortlich ist, dass es diesmal nicht funktioniert hat. Zum Beispiel kann es sein, dass du dein Schlafverhalten nicht unter Kontrolle bekommst, weil du immer verschläfst und du zuerst dein Verschlafen abschaffen musst. Mit dem Wissen darum, wo der Fehler liegt, kannst du dich das nächste Mal besser vorbereiten.

Wieder und Wieder

Wenn du es wieder und wieder probierst und es doch nicht funktionieren will, liegt der Fehler, den du gemacht hast, wahrscheinlich in Phase 1 oder 2. Gibt es etwas, was du noch nicht weißt oder kannst, was für dein Vorhaben notwendig ist? Stehst du wirklich zu deiner Entscheidung? Ist dein Plan schaffbar, konkret und positiv?

Phase 1 und 2 werden nicht nur am häufigsten bei normalen Vorsätzen übergangen, sondern gerade bei Neujahrvorsätzen. Für Phase 1 und 2 braucht es Zeit, die man nicht hat, wenn man sich am 27.Dezember überlegt, was man will, und am 1.Januar schon mit seinem Vorhaben beginnen möchte. Wenn du den Jahreswechsel also nutzen möchtest, um deine Verhaltensweisen umzustellen, nimm dir schon vorher Zeit, um dich vorzubereiten.

Neujahr

Natürlich ist es blödsinnig, sich nur zum Jahreswechsel Dinge vorzunehmen. Du kannst jederzeit deine Verhaltensweisen ändern. Neujahr bietet sich allerdings besonders an: Das neue Jahr steht symbolisch für einen Neuanfang, es ist also leichter sich das neue Jahr als einen neuen Zeitraum vorzustellen, in dem man andere Sachen macht, als in dem Jahr zuvor.
Außerdem gibt es eine Menge Leute, die sich um diese Zeit etwas vornehmen. Dadurch kann man sich ganz natürlich über seine Vorsätze unterhalten. Für viele Leute, ist es leichter, sich an seine Vorsätze zu halten, wenn man mit anderen darüber geredet hat. Nutze also die Gelegenheit.
Eventuell findest du sogar Mitstreiter für dein Vorhaben. Dann könnt ihr euch gegenseitig unterstützen, Erfolge miteinander teilen und euch in schwierigen Zeiten beistehen. Wenn du dir Mitstreiter auswählst, achte allerdings darauf, dass sie wirklich zu ihrer Entscheidung stehen. Genauso, wie man durch erfolgreiche Leute angespornt werden kann, kann man sich auch von Leuten, die schnell aufgeben, herunterziehen lassen.

Du musst nicht bis Dezember warten, dir zu überlegen, was du aus deinem Leben machen willst. Ich überlege es mir fast jeden Tag. Vorsätze zu verteufeln und ihnen die Verantwortung für das eigene Scheitern zuzuschieben ist nicht nur kontraproduktiv, sondern auch ziemlich feige. Und wie überwindet man Feigheit am besten? Genau – indem man das tut, was einem die größte Angst einjagt.

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5 Responses to Warum Neujahrsvorsätze nie funktionieren

  1. André Loibl says:

    Hallo Alice! :-)
    Ein wundervoller Beitrag – besonders Phase 3 gefällt mir gut, denn da scheitern die meisten Neujahrs-Vorsätze! ;-) Also sehr nützliche Tipps, die man sich hinter die Ohren bzw. auf die Nase schreiben kann!!
    (auf die Nase, damit man sie immer vor Augen hat ;-) )

    Fröhliche Grüsse und einen schönen Abend! :-)

    André

  2. ALICE says:

    Hallo André!
    Freut mich, dass du mal vorbeigeschaut hast und noch dazu deine Meinung dagelassen hast. :)
    Schön, dass dir der Beitrag gefällt. Für dich ist das sicherlich nichts neues, aber gut zu wissen, dass du als “Veränderungsexperte” mir zustimmst. ;)

  3. Pingback: » Raus aus dem Sommerloch

  4. Nadja says:

    Hallo, Alice,
    zwar ist dieser Artikel schon ein Jahr alt, nun aber wieder so aktuell wie nie. Und gefällt mir sehr gut.

    Die Tipps, die du gibst, helfen wirklich dabei, gute Vorsätze umzusetzen.
    Sehr ähnlich – nur ausführlicher – beschreiben wir dies auch in unserem kostenlosen eBook auf www.sportmuffel.de.

    Unser eBook soll auch allen – die sich sportliche Neujahrsvorsätze vorgenommen haben – dabei helfen soll, diese auch einzuhalten.

    Ich wünsch dir ein schönes neues Jahr, in dem du alles was du dir vornimmst erreichst.
    VG

  5. Steff says:

    Ich muss sagen, bei mir klappt es eigentlich immer mit den Vorsätzen! Es kommt nur auf die Willensstärke an! 2008 habe ich mit dem Rauchen aufgehört, 2009 mein lang ersehntes Fernstudium durchgezogen, 2010 tatsächlich mein Auslandsjahr durchgezogen, trotz Schwierigkeiten und widrigen Planungsumständen, 2011 den Job gewechselt (wobei ich das zugegebenermaßen schon 2010 vorhatte…) und für 2012 steht mein erster Halbmarathon an! Das Training hat bereits begonnen :-) Finde es immer schön, wenn man ein “Eckdatum” hat (eben der 1.1. eines jeden Jahres), wo man sich Dinge vornehmen kann, die dann aber vor allem auch einhält!

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