Zerstreuungen eliminieren

Veröffentlicht am 14.Februar 2009

Das Internet ist großartig. Es verbindet Menschen mit Menschen, mit Inhalten, mit Diensten – und das auf der ganzen Welt. Du kannst die Zeit, in der du das Internet nutzt, sehr sinnvoll verbringen. Du kannst sie aber auch vollkommen nutzlos verbringen.

Da du nicht unbegrenzt Zeit auf der Erde zur Verfügung hast (ca. 876600 Stunden wenn du 100 Jahre alt wirst – wobei du ein Drittel der Zeit vermutlich verschläfst), willst du diese wahrscheinlich nicht sinnlos verbringen. Zeit ist Leben und sinnlose Zeit ist sinnloses Leben.

Die einfachste und offensichtlichste Möglichkeit, deinen Alltag nützlicher und produktiver zu gestalten, ist, nutzlose Aktivitäten zu eliminieren, allen voran Zerstreuungen.

Zerstreuen ist das Gegenteil von fokussieren. Statt deinen Fokus auf etwas zu richten, was dich erfüllt, zerstreust du dich, um dich davon abzulenken, dass du nicht erfüllt bist.
Du checkst deine E-Mails, statt dich um eine dringende Aufgabe zu kümmern, spielst ein Computerspiel, statt einen Anruf beim Arzt zu machen. Vielleicht liest du sogar gerade diesen Artikel, um dich zu zerstreuen. Geradezu klassisch ist es, in solchen Momenten etwas zu beginnen, wovon man sich sonst vielleicht zerstreuen würde: Aufräumen, spülen, putzen.
Mit deiner Zerstreuung lenkst du dich nicht nur ab, sondern schiebst obendrein wichtige oder dringende Tätigkeiten auf. Dieses Symptom ist auch als „Aufschieberitis“ oder „Prokrastination“ bekannt.

Um nicht ständig auf deine Unzufriedenheit aufmerksam zu werden, bekämpfst du die Symptome: Du eliminierst die unzufriedenen Gedanken beim Fernsehen (anstatt etwas zu tun, was dich zufriedener macht) oder dein körperliches Unwohlsein mit süchtigmachende Nahrungsmitteln (anstatt dich um deine Gesundheit zu kümmern).

Zerstreuung ist immer eine Flucht vor sich selbst. Wenn du dich zerstreust baust du eine Distanz zu dir auf. Im Moment zu leben wird dadurch verhindert. Eventuell lügst du dich sogar an, um deine Zerstreuung aufrecht halten zu können: „Ich brauche eben eine Pause“; Um einen darauffolgenden unangenehmen inneren Dialog zu unterbrechen, ist es am leichtesten, sich zu betäuben: Drogen, Schlaf und alles, was sonst den Verstand abschaltet.

Zerstreuen kannst du dich aber nicht nur, um zu verhindern, eine Tätigkeit zu beginnen, sondern auch, um zu verhindern, eine Tätigkeit weiterzumachen oder zu beenden. Gerade wenn du an einer länger andauernden Tätigkeit sitzt: E-Mails checken,  twittern, chatten, Blogs checken, „mal kurz“ die Fernsehprogramme durchzappen oder ein Video auf Youtube schauen. Die meisten dieser Sachen dauern wirklich nur kurz (weshalb es sehr leicht ist, sich so eine Tätigkeit zu genehmigen), können aber, wenn sie sich häufen ebenfalls viel Zeit in Anspruch nehmen und was noch wichtiger ist: Wenn du deinen Fokus immer wieder von deiner Arbeit weglenkst, zerstreust dich von deiner Arbeit. Fokussiertes, konzentriertes, produktives Arbeiten ist so nicht mehr möglich.

Wenn du dich von Zerstreuungen lenken lässt, heißt das nicht nur, dass du weniger quantitativ, sondern auch, dass du weniger qualitativ arbeitest. Denn qualitative Arbeit ist ohne Konzentration (Fokussierung) nicht möglich.

Zerstreuungen eliminieren

1.Quelle des Zerstreuung eliminieren

Das ist die leichteste Methode, weil sie sofort und praktisch umsetzbar ist.
Wenn du zuviel Fernsehen siehst, zieh den Stecker raus oder, wenn du’s etwas dramatischer magst, stell ihn in den Keller, verschenke ihn oder lass ihn entsorgen.
Wenn du dich durch das Internet ablenken lässt, kappe die Verbindung, während du arbeitest oder melde deinen Internetanschluss ab.
Wenn dich Musik ablenkt, mach sie gar nicht erst an, etc.

2.Fokus trainieren

Ob du dich zerstreuen lässt, ist vor allem Gewöhnungs- und Übungssache. Vielleicht kannst du dich nicht täglich 8 Stunden auf deine Arbeit konzentrieren, aber du kannst dich vielleicht 1 Stunde konzentrieren, oder 30 Minuten, oder 10 Minuten. Es ist egal, wo du anfängst, denn du kannst lernen, dich zu steigern.

So kannst du dich steigern: Arbeite täglich eine Woche lang eine Stunde (oder deine persönliche Anfangszeit) pro Tag mit voller Konzentration. Wenn du das geschafft hast, kannst du die Woche darauf täglich 1,5 oder 2 Stunden versuchen konzentriert zu arbeiten. So steigerst du dich Woche für Woche bis du entweder deine Wunschkonzentrationszeit erreichst oder es sich kaum noch steigern lässt. Wenn du merkst, dass es kein Problem für dich ist, dich für deine festgesetzte Zeit zu konzentrieren, kannst du deinen Zeitrahmen natürlich schneller steigern, genauso wie du den Zeitrahmen verkleinern solltest, wenn du nicht so schnell Fortschritte machst, oder dich mit dem aktuellen Zeitrahmen überfordert fühlst.

3.Time-Log

Eventuell bist du dir gar nicht darüber bewusst, wie viel Zeit du effektiv verbringst und wie viel Zeit Zerstreuungen einnehmen. Um das herauszufinden, hilft ein simpler Time-Log. Dazu notierst du dir für einen Tag lang, jede Beschäftigung und ihre Dauer. Wenn du sehr unterschiedliche Tagesroutinen hast (z.B. Wochenende und Werktage, wenn du nur an Werktagen arbeitest), kann es dir helfen, mehrere Tage zu loggen. Am Ende des Tages solltest du eine genaue Aufzeichnung über deine Aktivitäten zu haben.
Evtl. bemerkst du, dass du dich allein wegen des Time-Logs weniger oft zerstreust, weil du deine Aufmerksamkeit, wie du deine Zeit nutzt, dich dazu bringt, deine Zeit sinnvoller zu nutzen. Dann macht es Sinn, deine Zeit regelmäßig zu loggen.

4.Wissen, was zu tun ist

Es gibt verschiedene Gründe, Zerstreuung anstatt Fokussierung zu wählen. Ein Grund kann sein, dass du dir nicht darüber bewusst bist, was du wirklich tun willst. Wenn du etwa ein großes Projekt vor dir hast wie „einen Roman schreiben“, weiß dein Gehirn nicht, wie es sich diese Aufgabe konkret vorstellen soll und lenkt dich lieber davon ab. Das Ziel „einen Roman schreiben“ ist als Aufgabe nicht gehirngerecht und dazu auch noch ziemlich überfordernd. Wenn du Projekte angehst, ist es deswegen immer hilfreich zu wissen, was der konkret nächste Schritt ist. Vielleicht gibt es sogar mehrere mögliche Schritte – wichtig ist nur, dass du dir konkret etwas darunter vorstellen kannst, etwa: „Kapitel 2 umschreiben“ oder „Manuskript ausdrucken“.

5.Wissen, was du wirklich willst

Wenn du dich auffällig oft zerstreust, statt dich zu konzentrieren, ist das, worauf du dich konzentrieren willst, vielleicht gar nicht das Richtige für dich. Eventuell möchtest du gar keinen Roman schreiben, kein Computerspiel entwickeln und keine Blogartikel mehr posten. Wenn du erkennst, dass du an einem Ziel arbeitest, dass dich nicht interessiert, hör am besten sofort damit auf. Und ich meine sofort. An einem Ziel zu arbeiten, das du nicht erreichen möchtest, ist genauso nur eine Zerstreuung und damit eine Flucht vor dir selbst.

Falls es dir schwer fällt, aus der Zerstreuungsroutine zu kommen, empfehle ich dir die Timer-Methode und andere Motivationsübungen.

Um den Zerstreuungen ein Ende zu machen, brauchst du vor allem Ehrlichkeit zu dir selbst. Wenn du nicht zu dir sagen kannst, dass das, was du gerade machst, dich nicht erfüllt, sonder dich nur ablenkt, kommst du kaum aus der Zerstreuungsspirale hinaus. Da es manchmal nicht leicht ist, von selbst zu erwachen, kann dir vielleicht diese Frage helfen: „Will ich das, was ich gerade tue, wirklich gerade tun?“

Wenn du die Frage beantwortest, beobachte, wie du dich fühlst. Ambivalente Reaktionen (z.B. „ja“-sagen und sich schlecht fühlen), können darauf hindeuten, dass du dir was vormachst.

Um deine Aufmerksamkeit auf deine Zerstreuungen zu lenken, könntest du die Frage mit der Time-Log-Methode verbinden (siehe oben Nr.3): Beobachte einen oder mehrere Tage lang, was du tust und wie lange du es tust und frage dich dabei, ob du es wirklich tun willst. So wirst du dir über zerstreuende Aktivitäten gleich im Klaren, wenn du sie ausführst.

Wenn du dir erstmal bewusst über die Zerstreuungen bist, kannst du sie gezielt reduzieren und durch sinnvolle Tätigkeiten ersetzen. Und, was tust du als nächstes?

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5 Kommentare »

  1. Das ist ein sehr interessanter Text und hat mich zum Nachdenken gebracht. Im Grunde ist es wirklich so: ständig zerstreue ich mich, nie wird fast fertig! Eigentlich schlimm. Das beste wäre, vielleicht die ganzen Geräte auszuschalten und eine Zeit lang nur noch mit Papier und Bleifstift zu arbeiten. Kaum bin ich wieder am PC, läuft ständig irgendwas nebenbei, werde ich nie fertig!

    Kommentare by J.A. — February 16, 2009 @ 2:40 pm

  2. Naja, ich arbeite mit PC schon lieber als mit Stift (gibt nur wenige Ausnahmen). Das einzige, womit ich mich manchmal ablenke, ist das Internet, deswegen ziehe ich regelmäßig den Stecker. ;)

    Kommentare by ALICE — February 16, 2009 @ 4:37 pm

  3. [...] sehr langen aber wirklich sehr guten Artikel verfasste Alice vor zwei Wochen mit dem Titel “Zerstreuungen eliminieren”. Es hat gedauert, bis er bei mir richtig zündete. Jetzt habe ich ihn ausgedruckt und [...]

    Pingback by Tom Petty & The Heartbreakers – The Waiting - Zeit, Artikel, Alice, Folge, Ideen, Lernen - medioman — March 2, 2009 @ 10:02 am

  4. [...] Es sind in sich abgeschlossene kleine Kunstwerke. Insbesondere haben mich u.a. ihre Artikel “Zerstreuungen eliminieren” und der vor kurzem erschienene “Raus aus der Komfortzone” sehr nachdenklich [...]

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